Wir haben das religiöse Gefühl als Mitleid erkannt: als Entdeckung des Menschen im Leiden, als Entdeckung des Individuums am leidenden Menschen, und als Entdeckung seiner Korrelation mit Gott, die gleichsam durch dieses Leiden und Mitleiden gefügt wird. Darin besteht die schöpferische Aktivität dieses religiösen Gefühls, dieses Mitleids mit der Menschenseele. Wie anders dagegen ergeht sich die schöpferische Aktivität der ästhetischen Liebe zur Menschennatur. Schon aus diesem Gesichtspunkte werden die beiden Arten des Gefühls unvergleichbar, und keine Unendlichkeit kann sie vergleichbar machen. Wie ist überhaupt die Analogie der Religion mit dem Gefühle entstanden? Es ist bekannt, daß Schleiermacher ihr Urheber ist. Und es darf nicht bezweifelt werden, daß er durch die Hineinziehung der Religion in das Bewußtsein einen Fortschritt über Kant vollzogen hat. Denn der Wert von Kants Charakteristik der Religion besteht in der Ethiko-Theologie, mit der jedoch die Gefahr verbunden ist, daß die Religion in Ethik aufgeht und ihre Eigenart verliert. Der Unterschied zwischen beiden wird von Kant nur dahin bestimmt, daß die Religion die Sittlichkeit zum Inhalt habe, aber als Gebot Gottes. Dadurch aber entsteht die Gefahr der Aufhebung der Autonomie, die für die Religion doch ebenso gelten müßte, wie für die Ethik.

17. Indem nun Schleiermacher in das Bewußtsein des Menschen die Religion einhob, brachte er sie in die Koordination zu Erkenntnis und Philosophie. Da aber Philosophie bei ihm im Grunde Metaphysik ist, so wird seine Religion im letzten Grunde Pantheismus. Gott ist ihm nicht »ein einzelner Gegenstand«. Die Hingabe an Gott bedeutet ihm die Hingabe an das Universum. In der Welt findet er Gott und den Menschen, wenngleich die Menschheit vorwaltet, als die Fundstätte des Universums gilt.

Dieser Pantheismus hat freilich zwei Seiten. Nach der einen ist der Mensch, als Individuum, ebenso »das Kompendium der Menschheit«, wie er der Grund der Welt ist. Und das Gefühl wird von dieser Seite aus gedacht als ein »unmittelbares Bewußtsein«, und als »der Inbegriff aller höheren Gefühle«. Das Gefühl ist das pantheistische Organ schlechthin der Erkenntnis. Und die Vorstellung von Gott als einem einzelnen Wesen außer der Welt wird in diesem Sinne als »die gewöhnliche Vorstellung« bezeichnet. Aber der Pantheismus verstrickt sich in Widerspruch, wenn er auf das Gefühl anstatt auf die Erkenntnis sich gründet. Die Unmittelbarkeit des Gefühls ist ein zweideutiger Vorzug.

18. So erklärt es sich, daß bei Schleiermacher in seiner Glaubenslehre das Gefühl zu dem einer absoluten Abhängigkeit verwandelt wird. Und schon in den »Reden über die Religion« deuten sichere Zeichen auf diese Abhängigkeit hin, insofern dort schon die Religion bestimmt wird als »die Sehnsucht nach Liebe«. Nicht Liebe an sich ist Religion, weder die zum Universum, noch die zum Menschen, die ja doch nur Selbstliebe wäre, sondern die Sehnsucht nur nach Liebe ist Religion, das Verlangen nach Liebe, das die Bedürftigkeit des Menschen bekundet, und vollends seiner Identität mit dem Universum widerspricht. Diese Abhängigkeit vom Universum, die sich in der Sehnsucht nach Liebe verrät, mag für die Religion einen Teil von Richtigkeit haben. Aber der Bedeutung des Gefühls wird diese Sehnsucht nach Sehnsucht, diese Liebe zur Liebe durchaus nicht gerecht. In diesem Ausdruck läßt sich nur die Unbestimmtheit dieser Art des Bewußtseins erkennen, die keinen anderen objektiven Inhalt hat als nur sich selbst, ihre eigene Tätigkeit, ihr eigenes subjektives Verhalten. Die ganze objektive Unbestimmtheit des Pantheismus gibt sich hier kund, und nicht minder auch die Begriffslosigkeit der Romantik, die sich aller Erkenntnis und alles objektiven Inhalts derselben begibt.

Dabei geht ebenso der Mensch, wie vorher Gott, der Religion verloren, und kein Pantheismus kann diesen Verlust ersetzen. Die Sehnsucht nach Liebe muß sich auf den Menschen richten, allein auf den Menschen abzielen; sie darf sich nicht befriedigen in dem Sicheinsfühlen mit der Natur.

19. Schon dieser Doppelsinn im Gefühle, ebenso die Abhängigkeit zu bedeuten, wie die Deckung mit dem Universum, zeigt die Unangemessenheit des Gefühls für das Bewußtsein der Religion. Sofern das Gefühl eigenen Inhalt erzeugt, ist es reines Gefühl, und dieses ist allein und ausschließlich das ästhetische Gefühl, das zwar auch ein Universum erschafft, dieses aber genau und bestimmt in dem Kunstwerke objektiviert. Eine solche Schöpfung, die sich auf das Gebild des Menschen beschränken würde, kann es für das religiöse Gefühl nicht geben. Denn in ihm steht der Mensch niemals für sich allein, sondern immer im Bunde mit Gott.

20. Es ist nicht nur ein Überbleibsel der Mythologie, daß der wahre Gott einen Bund schließt mit Abraham, und schon mit Noah für die Erhaltung der Natur: Gott entsteht, er erzeugt sich in diesem Bunde mit dem Menschen; sein Ursprung ist der Bund mit dem Menschen. Dieser Bund ist das Kunstwerk Gottes, aber nicht das Kunstwerk des Menschen. In der Kunst dagegen erzeugt der Mensch selbst kraft seines reinen Gefühls sein Kunstwerk. Und dieses ist daher ebenso das Zeugnis, wie das Erzeugnis seines Gefühls. Hier dagegen spaltet sich die Einheit des Gegenstandes in die Korrelation, in den Bund zwischen Gott und Mensch. Keiner von beiden kann für sich allein stehend gedacht werden. Wenn ich Gott denke, muß ich zugleich den Menschen denken, und ich kann den Menschen nicht denken, ohne zugleich Gott zu denken. Aber ich kann beide nicht nebeneinander denken, so daß ich in dieser Konfiguration etwa eine Art von Kunstwerk erschaffen könnte, sondern beide Begriffe sind Inbegriffe, mithin echte logische Abstraktionen, deren Gedankenwert durch keine Gefühlsart erzeugbar wird.

21. Nun kann man aber gegen diese ganze Argumentation ein wichtiges Moment einwenden. Man kann nämlich für den Gefühlscharakter der Religion sich auf die Ergriffenheit berufen, von der das Gemüt erfüllt wird bei dem religiösen Gedanken an Gott und seine Menschenwelt, bei dem religiösen Gedanken an die arme Menschenseele und ihre Erlösung durch Gott. Man kann für die Analogie mit dem ästhetischen Bewußtsein sich auf die Rührung berufen, die das Gemüt hier, wie dort, ergreift. Und dieser Einwand wird nicht dadurch beseitigt, daß man die Rührung als einen passiven Affekt von der Aktivität des ästhetischen Gefühls unterscheidet. Denn bei aller Passivität entladet sich doch eine gewaltige Macht in dieser Rührung des religiösen Momentes.

22. Indessen spricht hiergegen ein anderer Gedanke. Die Analogie der Rührung würde nicht in erster Linie die der Religion mit der Kunst betreffen, sondern die der Sittlichkeit mit ihr. Von der Sittlichkeit aber wissen wir, daß sie eine Vorbedingung der künstlerischen Schöpfung ist, eine Vorstufe des ästhetischen Gefühls. Die Rührung also ist nicht für die Religion zu registrieren, geschweige als das religiöse Gefühl zu bestimmen; denn sie muß schon vorher als sittliche Vorbedingung der Kunst anerkannt und gebucht sein. Und es handelt sich bei ihrer Würdigung lediglich um eine Abrechnung zwischen der stofflichen Voraussetzung der Sittlichkeit und dem Inhaltsergebnis des ästhetischen Gefühls. Dem ästhetischen Gefühl wird seine Eigenheit und seine Würde genommen, wenn man die Rührung auch auf das religiöse Bewußtsein überträgt und gleichsam verteilt, während sie diesem ja auch nur erst indirekt zukommt, da sie ihm durch die sittliche Tätigkeit zuerteilt werden muß.

Wie steht es doch nun aber mit der psychologischen Tatsache der religiösen Ergriffenheit, die wir als Rührung empfinden und erkennen? Ist sie nicht eben unwiderleglich ein Gefühl? Und schafft sie nicht einen eigenartigen Inhalt? Alle methodischen Grenzen unserer philosophischen Systematik werden durch diese Frage in Frage gestellt.