Ihre Toilette, ihre täglichen Ausfahrten, ihre Besuche und jene Sucht, stets einen Hofhalt um sich zu bilden und eine Hauptrolle zu spielen, hielten sie in Atem. Und da Alfred nur immer mit halbem Interesse dabei war, oder deutlich zeigte, welchen starken Zwang er sich auflegen müsse, ihr nachzugehen, da ihn immer nur seine Zeitung, seine Geschäfte, die Politik und öffentliche Vorgänge interessierten, lebte jeder ein Dasein für sich. Jeder legte an den Tag, daß er sich in des anderen Thun und Treiben nicht hineinzuversetzen vermöge.

Was Frau Adelgunde besonders empfand, war der Umstand, daß sich die
bereits angebahnten Beziehungen zu den höchsten Kreisen der Berliner
Gesellschaft schon wieder zu lockern begannen, nachdem ihr Mann die
Leitung übernommen hatte.

Es wurden einmal Unterschiede gemacht! Man bediente sich seiner, wenn man ihn brauchte — eine Zeitung war eine Macht — aber der früheren Gesellschaftsgleichberechtigung geschah Beeinträchtigung. Wenn man auch Herrn von Klamm einlud, wenn er auch zu den Ministerabenden entboten wurde, so nahm man doch von Adelgunde keine Notiz.

Grade das nagte an der lebhaften und ehrgeizigen Frau. Als sie sich einmal mit einem Gesandtschafts-Attaché aus fürstlichem Geblüt in einer Abendgesellschaft begegnete, erklärte sie bei den Erörterungen über Ehrgeiz und Erfolge, sie würde ihre höchste Befriedigung darin gefunden haben, als Mitglied eines Fürstengeschlechtes geboren zu sein.

Und als der Artigkeiten gegen Frauen gewohnte Hofmann ihr erwidert hatte, daß er allerdings glaube, daß kaum eine der Berliner Damen so sehr die Allüren dazu besitze, wie sie, war sie überglücklich.

Sie hatte auch Alfred davon Mitteilung gemacht; sie hatte damit die
Absicht verbunden, ihm zu imponieren. Er aber hatte gesagt:

„Wenn du nur wüßtest, welche Freuden in der Welt ausgestreut liegen und nur aufgehoben zu werden brauchen. Aber du willst nichts dazu thun, um ihrer teilhaftig zu werden.“

„Ach, bitte, Alfred, komm mir nicht wieder mit den Hinweisen auf das Krähen der Hähne und das Brüllen der Rinder auf dem Lande. Ich kann einmal weder etwas Poetisches noch Melodisches darin finden. Ebenso geht mir der Sinn dafür ab, an den Krankenbetten alter Bauerweiber zu sitzen und Christentum zu üben. Ich finde es schrecklich! Und die kindische Freude an vollen Leinenschränken, selbstgemachten Handarbeiten, Einmachen von Früchten und Gurken geht mir nun einmal ebenso sehr ab, wie das Interesse für die langweiligen Zeitungen mit ihrer Kritik, ihren Lügen, ihren Uebertreibungen, ihrem Furchtmachen vor Kriegsgefahr und anderer Sensationsmacherei! Ich kann es ja doch nicht ändern.

„Du sprachst neulich von Wohlthätigkeitsvereinen! Nun ja! In ihnen hat
man wenigstens ein bischen Amüsement, man kommt mit Menschen in
Berührung. Aber dieser Frauenbewegungsübereifer und all das entsetzliche
Reden über die verkannten Rechte unseres Geschlechtes treiben mich zum
Widerstand.

„Ich sage es frei, wie ich es meine. Sehr, sehr viele denken ebenso, wagen es nur nicht auszusprechen.“