„Ich möchte darauf erwidern,“ entgegnete Fräulein von Oderkranz, „daß das unausgefüllte Herz naturgemäß nach Ersatz sucht. Daß Ileisa etwas Unweibliches gethan, daß sie ihre Pflichten gegen Sie versäumt, gar die Treue gegen Sie gebrochen, ist ausgeschlossen! Und was Ihre Ausführungen anbelangt, so möchte ich Ihnen doch auch meinen Standpunkt darlegen, den Standpunkt, den Sie als unpraktische Sentimentalität bezeichnen.
„Die Ehe wird unter sehr ernsten, im Gotteshause stattfindenden
Ceremonien geschlossen. Der Geistliche richtet an beide Beteiligte
Fragen, die, wenn sie sie mit Ja beantworten, ihnen unverbrüchliche
Ehrenpflichten auferlegen, in dem Sinne auch, daß jeder — und sei's ein
Menschenleben hindurch — die Aufgabe hat, erziehlich, sanft und geduldig
auf den anderen einzuwirken, Liebe zu erzeugen und zu kräftigen. Eine
absolute Notwendigkeit tritt ein, eine gradezu heilige Pflicht, wenn die
Ehe mit Kindern gesegnet ist. Gewiß, bequemer ist's, die Ehe als ein
Zeitbündnis zu betrachten. Zwei Kameraden vertragen sich in demselben
Gemach nicht mehr und trennen sich.
„Aber es ist dies doch die allerroheste Anschauung über das, was wir selbst einmal als eins der vornehmsten Sittengesetze aufgestellt haben.
„Es gehört ein grenzenloser Mangel an Pflichtgefühl und rechtschaffener Gesinnung dazu, auch diese menschliche Beziehung lediglich aus dem Gesichtspunkte der Nützlichkeit und Bequemlichkeit zu behandeln. — Sie erachten die Anschauung, daß die Familienehre durch Scheidung nach außen beeinträchtigt wird, als ein künstlich erzeugtes Eitelkeitsgefühl. Ich muß dem widersprechen. Der vornehm geartete, wahrhaft sittliche Mensch hat das natürliche Bestreben, in der Umgebung, in die ihn die Verhältnisse gesetzt haben, nicht nur als eine möglichst tadellose Persönlichkeit zu erscheinen, sondern auch eine solche zu sein.
„Ehre, Anstandsgefühl, moralisches und sittliches Empfinden sind ein
Teil des Blutes gewisser Menschen, und daß sie es besitzen, ziert sie.
„Ernste Pflichten zu üben, statt die Welt als ein lustiges Schlemmerhaus anzusehen, und danach zu leben, ist eine Sache jener Religion, die zwar nichts auf Aeußerlichkeiten, aber desto mehr auf ein musterhaftes, auf Grundsätzen aufgebautes Handeln und Wirken sieht, jenes, das den Eingang in eine bessere Welt vorbereitet.“
„Hm — sehr schön! Ich verstehe Ihren Standpunkt vollkommen, meine Gnädige. Aber schon, da ich ihn nicht teile, bin ich Ihrer Nichte nicht wert.
„Lassen wir alle moralischen Betrachtungen und Ergüsse — ich bitte Sie dringend.
„Lassen Sie uns lieber darüber unterhalten, welche beste Form wir wählen, um das einmal Unabänderliche zu gestalten.“
„Sie übernahmen auch materielle Pflichten gegen meine Nichte. Wie denken
Sie darüber, Herr von Knoop?“