„Nicht doch, Ange!“ Und nach einer Weile flüsterte er leise: „Hast Du mich noch lieb, Ange?“
Da stand sie auf und flog ihm an den Hals.
* * * * *
Acht Monate waren vergangen. Teut war ein täglicher Gast im Clairefortschen Hause geworden, verkehrte mit Frau Ange und der Familie, als ob er sie von Kindesbeinen an kenne, und schien überhaupt von Claireforts fortan unzertrennlich. Dieser engere Verkehr führte mit sich, daß er bald in alle Verhältnisse eingeweiht wurde, und daß man ihn, da er neben seiner Einsicht eine entschiedene Art an den Tag legte, auch häufig um Rat fragte. Aber er nahm sich in seiner ehrlichen und derben Weise auch die Erlaubnis, zu tadeln.
„Schlecht, mordschlecht erziehen Sie die kleine Gesellschaft!“ rief er Ange kopfschüttelnd zu, wenn die Kinderschar—ungezogen und trotzköpfig—ihren Höllenlärm anstimmte, die Möbel mit Stöcken und Peitschen bearbeitete und gar auf dem Teppich des Wohnzimmers mit Sand wirtschaftete. Die Dienerschaft war machtlos, denn sie fand keine Unterstützung bei der Gräfin. Entweder erließ sie Verbote, deren Zurücknahme sie sich im nächsten Moment wieder abbetteln ließ, oder sie tröstete Jorinde und Erna, wenn diese von der Gouvernante eine Strafe erhalten hatten.
Nun war eben das Mobiliar—ein Gemach nach dem anderen—neu aufgeputzt, zum Teil mit kostbaren Stoffen überzogen, alles mit einem wahrhaft verschwenderischen Luxus hergestellt worden, und schon zeigten sich deutliche Spuren von übermütigen Gewaltthätigkeiten. Der Graf war mehrmals in einen heftigen Zorn ausgebrochen, hatte Ange ihren Mangel an Ordnungsliebe und ihre grenzenlose Schwäche gegen die Kinder in den härtesten Worten vorgeworfen. Hin und wieder rief er den schnell liebgewonnenen Freund und Vertrauten zum Zeugen an, wie unvernünftig, wie unverständig seine Frau sei und wie ihn ihre Eigenschaften mit den Rückwirkungen auf die Kleinen zum Tadel reizen müßten.
Einmal brach es ungestüm aus ihm heraus, als Teut seine Bewunderung über Ange ausdrückte. „Ja, Freund,“ rief er, „Sie sind nicht mit ihr verheiratet! Sie erfreuen sich an dem Guten, das sie Ihnen entgegenträgt, und schütteln das Unbequeme leicht ab, um so leichter, als Sie nur indirekt davon berührt werden! Ich aber lebe täglich, stündlich mit ihr, ich kämpfe seit Jahren gegen ihre Schwächen ohne Erfolg und habe doch für alles die Verantwortung zu tragen! Ange würde jedes Jahr eine Million verschenken, wenn sie dieselbe zur Verfügung hätte, und eine ganze Weltordnung in Verwirrung bringen, wenn sie über den Wolken herrschte! Jeder ruft mir entgegen: Welch ein reizvolles Geschöpf! und jeden Tag werde auch ich entwaffnet durch den Zauber ihrer Liebenswürdigkeit. Aber sie bringt vermöge ihrer untilgbaren, durch eine grenzenlos verkehrte Erziehung hervorgerufenen Fehler den ruhigsten, besonnensten und geduldigsten Mann zur Verzweiflung. Die größten und besten Eigenschaften eines Menschen verwandeln sich in das Gegenteil, wenn ihnen das Maß fehlt. Sanftmut und Liebenswürdigkeit sinken zur Charakterlosigkeit herab, Herzensgüte wird Thorheit, Geist und Verstand streifen an Insanie und je schöner die Hülle, desto größer der Schmerz, daß sich unter so vollendeten Formen ein so ungeordneter Geist verbirgt.“
„Sie übertreiben, Clairefort!“ rief Teut warm. „Ihre Frau ist ein Engel! Ihre Fehler sind nicht so schlimmer Art; ja, ich behaupte, sie sind auch Tugenden! Weint sie nicht wie ein Kind, wenn man ihr vom Unglück berichtet, möchte sie nicht stets helfen? Hilft sie nicht? Ist sie nicht rührend besorgt um ihre Kinder und sitzt sie nicht wie jüngst, als Carlitos krank war, Tag und Nacht an ihrem Bett? Ist sie nicht stets liebevoll gegen Sie, Clairefort, sieht sie nicht zu Ihnen empor wie zu einem Höhergearteten und nimmt jeden Tadel, jedes Scheltwort ohne Murren entgegen? Ist sie nicht ohne Beispiel selbstlos? Verlangt sie je etwas für sich? Ist es nicht nur immer der Gedanke an andere, der ihre Entschlüsse bestimmt? Sah man je ein so glückliches Gemisch von natürlichem Verstand und Herzensgüte?—Ja, sie ist sorglos, kannte nie eine Einschränkung, weiß nichts von materiellen Sorgen, giebt mit vollen Händen, oft vielleicht unverständig—“
Hier unterbrach Clairefort den Sprechenden, und indem er ihn mit einem Blick anschaute, durch den man eine vertrauensvolle Äußerung einzuleiten und sich Verschwiegenheit zu sichern pflegt, sagte er:
„Nein, nein! Immer, immer unverständig! Maßlos, Freund! Ihre
Verschwendung ist grenzenlos. Wie soll das überhaupt werden? Unter uns:
Wenn das meine Frau noch einige Jahre so forttreibt, bin ich ruiniert.
Schon lange war ich gezwungen, mein Kapital anzugreifen.“