Dennoch schrieb Ange.
Nachdem sie aber die Feder aus der Hand gelegt, nochmals alles überlesen hatte, und nun den Brief einfalten wollte, stiegen plötzlich Stolz und Scham wie heiße Feuer in ihr empor. Sie zauderte, und aus diesem Zaudern entstand ein unabänderlicher Entschluß. Ange zerriß, was sie dem Papier anvertraut, und warf's in den Kamin.
Es war ein qualvoller, heftiger Widerstreit, der sich in ihrem Inneren erhob. Hier winkten Sorglosigkeit, Fülle vielleicht, mindestens aber alles, was ihre Kinder schützen würde vor der Grausamkeit des Lebens. Dort, in der Zukunft, lagen harte Arbeit, Entbehrung und alle die entsetzlichen Begleiter dieser Quälhexe des Daseins.
Und dennoch, und dennoch! Schon die bisherigen Wohlthaten Teuts brannten wie glühendes Eisen auf ihrer Seele. Und diese noch vermehren?—Niemals! Um keinen Preis! Es war jetzt, wie's war! Etwas blieb! Darben würde sie nicht, wenn sie alles veräußerte. Am besten, sie floh vor dem Freunde für immer, um so mehr, weil sie ihn liebte und weil diese Liebe sie zu einer nachgiebigen Schwäche hinreißen konnte, die sie sicher bereuen würde.
* * * * *
Vier Tage nach dem eben Erzählten saßen sich Ange und Tibet in einem
Zimmer des Hotel de Russie gegenüber.
Letzterer war am Tage vorher aus der Haft entlassen worden, und hatte
Anges Eigentum zurückerhalten. Eben hatte er, der Aufforderung seiner
Herrin folgend, Platz genommen und sich einer ehrerbietigen Haltung
entäußert, die unter den bestehenden Verhältnissen auch als etwas
Nebensächliches erscheinen mußte.
„Endlich, endlich, mein guter, braver Tibet!“ sagte Ange und reichte dem treuen Menschen die Hand. „Und nun berichten Sie! Ist alles gut verlaufen? Wieviel haben Sie empfangen?“
Über Tibets Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln; er griff in die Seitentaschen seines Rockes und legte Ange ein Papier vor, das diese zwar neugierig betrachtete, aber ohne Verständnis wieder aus der Hand gleiten ließ.
„Es ist ein Check auf die Firma Erlanger, Frau Gräfin.
Fünfundfünfzigtausend Mark haben wir erhalten.“