„Also viel, Tibet, sehr viel! Nehmen wir an, daß mir hunderttausend Mark bleiben—werde ich diese wohl behalten, nachdem die Schulden, auch diejenigen an Baron von Teut, abgetragen sind?—Ja?—Sie wissen nicht?—Nun, nehmen wir an, daß mir so viel bliebe—wieviel Zinsen giebt das vom Kapital?“

„Viertausend Mark, wenn dieses sicher angelegt werden soll, Frau
Gräfin.“

„Viertausend Mark—und damit sollten wir uns in einer kleinen Stadt nicht bescheiden einrichten können? Wie glücklich bin ich, daß wenigstens das meinen Kindern erhalten bleibt!“

Tibet seufzte. Er schien Anges Hoffnungen keineswegs zu teilen.

„Nun. Sie Zweifler, was ist denn jetzt wieder?“

„Der Herr Baron wird sicher nicht leiden, daß die Frau Gräfin Ihre Einrichtung verkaufen. Schon wegen der Diamanten werde ich einen schweren Stand mit ihm haben.“

Aber Tibet bereute, was er gesprochen hatte, denn die Frau, die ihm gegenüber saß, sagte in einem völlig veränderten und keinen Widerspruch duldenden Ton:

„Was hat Herr von Teut mit diesen Angelegenheiten zu thun? Ist er mein Vormund? Ich wünsche durchaus keine Einmischungen in meine Geldangelegenheiten von seiner Seite. Und damit Sie es wissen, ein für allemal wissen, Tibet: ich verbiete Ihnen, ohne meinen Willen und meine Zustimmung dem Baron irgendwelche Mitteilungen über meine Verhältnisse zu machen. Ja, noch mehr. Wenn ich C., was unmittelbar geschehen wird, verlasse, darf er meinen Aufenthalt nicht erfahren. Ich würde irgendwelche Äußerung von Ihrer Seite, die ohne meine Genehmigung geschieht, als eine Indiskretion, ja als einen Treubruch ansehen, und Sie würden meine Freundschaft verlieren, die Sie heute in so hohem Grade besitzen.“

„Frau Gräfin—“

„Und überall und zur Klarstellung über das, was ich unabänderlich beschlossen, Tibet,“ fuhr Ange, ohne Tibets Einwand zu beachten, in einer diesem Mann gegenüber vielleicht ungeeigneten, aber ihrer Natur entsprechenden Offenheit fort, „merken Sie sich folgendes: Sie werden es verstehen, und ich sage es Ihnen, weil wir uns in diesem Augenblicke nicht gegenübersitzen als Herrin und Diener, sondern als zwei durch lange Jahre und nun auch durch ein trauriges Schicksal verknüpfte Personen. Es giebt niemanden auf der Welt, den ich so hoch schätze wie den Baron von Teut; er ist mein bester, mein treuester Freund, wie Sie, Tibet, es meinem verdorbenen Gemahl gewesen sind. Aber die Dauer der Freundschaft ist fast immer bedingt durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse. Da diese sich verändert haben, so könnte unser bisheriges gutes Einvernehmen Schaden leiden, und um unter allen Umständen solches zu verhüten, will ich ihn in Zukunft meiden. Ich kenne ihn. Seine freigebige Hand kann sich nicht schließen, ich aber will keine Wohlthaten empfangen, und wenn ich hungern sollte! Daraus ergiebt sich alles. Auch wir müssen uns trennen, mein braver Tibet! Ich vermag Ihnen nichts zu bieten und darf Sie nicht zurückhalten, sich ein anderes sicheres Brot zu suchen.“