„Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fünf Kindern unter bescheidenen Verhältnissen, Tibet?“ hob sie nach einer kleinen Pause an.

Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprächen. Vielleicht fühlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttäuschung, obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen bemüht war. Er gewann es auch nicht über sich, der mut- und trostbedürftigen und mit so guten Vorsätzen ihr neues Leben beginnenden Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und erwiderte:

„Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist.
In kleinen Städten gestaltet sich alles besser.“

„Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hälfte?“ fiel Ange hoffend und lebhaft ihre eigenen Worte bestätigend, ein.

„Ich möchte es glauben, Frau Gräfin.“

„Ich weiß nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir klar, daß ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn ich Schulden besitze, wenn namentlich—“ sie stockte und fuhr dann fast heftig fort: „Wir müssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche Bewußtsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!“

Und nach dieser vorläufig alle Gegeneinwendungen abschneidenden
Entscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gespräch auf Umzug und
Wohnort.

„Haben die Frau Gräfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt es
Eisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?“

Ange bestätigte.

„Es würde sich dann wohl empfehlen, daß ich zunächst dahin abreise, um eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurückkehre, um hier den Verkauf des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich weiß nun aber nicht, ob ich der Frau Gräfin Wünsche bezüglich dieser treffen werde. Vielleicht entschließen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten.“