„Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron auszurichten. Ich vergaß vorher—“
Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am
Weitersprechen. Nur ein kurzes: „Nun?“ glitt von ihren Lippen.
„Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht wünschte, der Frau Gräfin mündlich—“
Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:
„Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.“
„Und was sagten Sie dazu, Tibet?“ fragte Ange kalt.
„Ich—ich—Frau Gräfin—“ Er sprach nicht aus. Einen Augenblick schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf-und abflog, unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte, dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:
„Tibet!“
„Frau Gräfin?“
„Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer notwendigen Reise sprachen!“