„Drüben!“ sagte er und zeigte auf ein kleines unter den Bäumen verstecktes Häuschen. Er hielt nicht, wie Ange, sein Pferd an.
„Weiterreiten?“ fragte sie, als ob sie ihn nicht verstanden. Sie ärgerte sich über seine formlose Art, die sie ihm schon häufig im stillen vorgeworfen hatte. Teut nickte, ohne etwas hinzuzufügen.
So erreichten sie beide—Ange in einer etwas unbehaglichen Stimmung—das Wirtshaus. Ehe der Stallknecht herbeieilen konnte, war Teut herabgesprungen und hatte Ange vom Pferde gehoben. Es war, als ob Christophorus das Jesukindlein über den Fluß tragen wolle. Wie ein zartes Püppchen lag sie ihm im Arm, und wie ein Riese setzte er sie nieder.
„Drüben ist eine herrliche Aussicht. Wollen wir gehen?“ fragte er artig und reichte ihr den Arm.
Aber sie dankte, schürzte das Reitkleid und schritt neben ihm durch einen linksseitig einbiegenden, mit Bäumen besetzten Weg. Nach wenigen Augenblicken berührten sie eine Kirche und einen Gottesacker. Es sah recht verwildert dort aus. Aus der zerbrochenen eisernen Einfriedigung hingen Schlingpflanzen in den Farben des Herbstes, und Unkraut wucherte auf den Gräbern. Dann stiegen sie eine leichte Anhöhe empor und schritten auf einen Eichenwald zu. Kleines, kurzes Gebüsch drängte sich über den Fußpfad, es ging unregelmäßig bergauf, bergab.
Endlich umfing sie der Herbstwald und die Kühle. Hier glänzte es hell durch die Bäume; lange, wundervolle Lichtstreifen lagen auf dem grünen Erdboden. Dort flimmerte es im dichteren Gebüsch, als ob kleine versteckte Sonnen vergeblich hervorzubrechen versuchten, und einmal, bei einem Durchblick zur Rechten, schauten sie in einen verlassenen, gänzlich abgeschlossenen, mit Gras dicht bewachsenen Feldweg, auf dem die Einsamkeit einen märchenhaften Schlaf zu träumen schien. Aber sie schritten weiter, erreichten endlich eine Bank auf einer von blätterreichen Eichen umstandenen Anhöhe, und sahen nun meilenweit ins Land.
Es ging ein sanftes Jubilieren durch die blaue, durchsichtige Luft. Die letzten Vögel zwitscherten, und riesige Lichtströme warf die Sonne über Wiesen, Felder und ferne Wälder. Hier und dort glitzerten Streifen eines in malerischen Windungen auftauchenden Flusses zwischen den sanft dahingestreckten Matten, als ob plötzlich die Erde ausgebrochen sei und flüssiges Silber seine Bahn suche.
Ange ward gedrängt, ihrem Entzücken Ausdruck zu geben, aber ihr
Begleiter war scheinbar noch ebenso mißmutig wie vorher.
„In welch schlechter Laune haben Sie mich heute begleitet?“ hob sie an und richtete ihren lebhaften Blick auf sein unbewegliches Gesicht.
„Nein!“ erwiderte er. „Aber ich habe einiges auf dem Herzen, und hier“—er lud sie zum Sitzen ein—„will ich Ihnen einmal sagen, wozu bisher stets der rechte Augenblick gefehlt hat.“