Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht und
Pflicht geboten.

Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen, wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.

Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige, nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.

Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.

* * * * *

Am folgenden Vormittage fand sich für Tibet keine Gelegenheit, abermals mit Ange zu sprechen. Er forschte auf ihrem Gesicht, ob das Gespräch des vorhergehenden Abends böse Nachwirkungen zurückgelassen habe, und in der That schien es ihm, als ob ihr Blick ernster als sonst, ihr Morgengruß nicht so warm sei, wie er stets gewesen. Er war voll Ungeduld, mit ihr zu sprechen, um so mehr, als er bisher nur die Vorbereitungen für den Auftrag getroffen hatte, der ihm von Teut geworden war.

Nachmittags gab Ange einer Bitte der Kinder nach, mit ihnen einen
Spaziergang zu unternehmen. Sie verständigte Tibet, daß sie zum
Abendbrot zurückkehren werde, und machte sich mit ihren Lieblingen auf
den Weg zur Wartburg.

Ange sehnte sich selbst hinaus; in der freien Natur hoffte sie besser der sie bestürmenden Gedanken Herr zu werden und zu irgend einem Entschlusse zu gelangen, der Teut wenigstens bewies, daß sie ihm nicht teilnahmlos gegenüberstand.

Niemals war ihr der Sommer so schön erschienen wie in diesem Jahre. Die Bäume standen in blütenschwerer Fülle, und als sie den Weg zur Wartburg hinaufstiegen, hemmte sie immer von neuem ihre Schritte, um ihre Blicke ringsum auf die Gegend zu werfen, oder bei Lichtpunkten auf das vor ihnen liegende Thal hinabzuschauen.

Ange wohnte vor der Stadt in einer von ihrem Auslugepunkte linksseitig belegenen kleinen Villa. Auch heute ruhten die Kinder nicht eher, als bis die unter dem Grün hervorschimmernden weißen Mauern herausgesucht und alle Einzelheiten festgestellt worden waren.