Bei den letzten Worten erhob sich Ange, die in steigender Erregung gesprochen hatte, trat an ihren Schreibtisch und blieb dort abgewendet und von ihren Gefühlen überwältigt, stehen.
Tibet war blaß geworden und zerrte an den Knöpfen seines Rockes. Er wollte sprechen, aber er vermochte es nicht.
„Ihre Anschuldigungen, Frau Gräfin, sind so schwere,“ stieß er endlich heraus, „daß ich vergeblich nach Worten ringe. Um mich verteidigen zu können, bitte ich, mir nähere Aufklärungen geben zu wollen. Was habe ich gethan, um Vertrauen und Freundschaft zu verlieren? Ja, es ist wahr, ich habe einen Auftrag von dem Herrn Baron entgegengenommen, und ich habe nicht gezögert, mich desselben zu entledigen, weil der Vorschlag nach meiner unmaßgeblichen Ansicht ein guter, der Frau Gräfin und den Kindern ein nützlicher war. Daß aber die Frau Gräfin daraus—“
„Ach, reden wir endlich deutsch! Gehen wir nicht ferner um das Wesen der Sache herum!“ fiel Ange Tibet heftig in die Rede. „Sie wissen so gut wie ich, worin der Schwerpunkt liegt! Sie sind sich wohl bewußt, weshalb ich erregt, erschreckt, empört bin! Werfen Sie die Maske endlich ab, Tibet, seien Sie wenigstens jetzt ehrlich und gestehen Sie, daß Sie Teuts Agent sind, daß Sie von ihm Verhaltungsmaßregeln empfingen in Angelegenheiten, die ich abzuweisen suchte mit allen Mitteln, in Angelegenheiten, welche hervorgingen aus zartester Empfindung und deshalb von Ihnen hätten geachtet werden sollen als etwas Heiliges! Ja, ja, jetzt glaubt man mir das alles bieten zu können! Hätten Sie gewagt, gegen meine Befehle, gegen meine Bitten zu handeln, als ich noch die gebietende, von Reichtum umgebene Frau von Clairefort war? Nein, sicher nein! Aber nun, da ich arm, verlassen und durch die Verhältnisse gedemütigt bin, glauben Sie das Recht einer Bevormundung gewonnen zu haben, meinen Sie, mir Ihre unzarten Dienstleistungen aufdrängen zu dürfen—“ Sie hörte Tibets raschen Atem, sah sein erregtes Gesicht und fuhr doch fort: „Also richtig war meine Ahnung und allzusehr traf ein, was ich fürchtete, obgleich ich mir schon vorwarf, diese Dinge zu viel und zu oft berührt zu haben! Nun erfahren Sie es nochmals, obgleich es das A und O aller meiner Gespräche war, die ich mit Ihnen pflog: nicht als etwas Gutes, Dankenswertes sehe ich das alles an, sondern als etwas Unwürdiges, Beleidigendes!—Ehrlos—ja, ehrlos handelten Sie, wenn Sie mich gegen meinen Wunsch und Befehl nach Ihren eigenen kleinlichen Auffassungen zu messen sich erdreisteten und danach handelten!“
„Frau Gräfin! Frau Gräfin!“ drang's aus Tibets Munde, und wie einst, als Carlos gestorben war und ihn Anges beleidigte Worte trafen, stand er bebend am ganzen Leibe. „Ehrlos—sagen Sie? Ehrlos?—Nun, dann darf ich in der Folge Ihre Schwelle nicht mehr berühren! In dies reine Haus darf kein Ehrloser treten!“
„Nein, nein, Sie haben recht!“ rief Ange außer sich in gekränktem Stolz und in der Verzweiflung ihrer vernichteten Liebe. „Gehen Sie! Gehen Sie! Ich will versuchen, Ihnen zu verzeihen im Gedenken des vielen Guten, das ich von Ihnen empfing. Auch das in der Erregung gesprochene Wort nehme ich zurück. Aber unseres Beisammenbleibens ist nicht mehr! Gehen Sie!“ Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und wollte, nicht mehr Herrin ihrer Gefühle, das Zimmer verlassen.
„Ich thue, was Sie befehlen!“ flüsterte Tibet. „Wie sehr Sie mir aber unrecht thaten, Frau Gräfin—“
„Wie—unrecht?“ rief sie, nochmals zurücktretend, und reckte ihre schlanke Gestalt hoch empor. „Unrecht?“ wiederholte sie. Ihre feinen Nasenflügel vibrierten und ihre Augen blitzten. „Trieben Sie Ihre zudringliche und bevormundende Dienstfertigkeit nicht so weit, daß ich heute wie eine Närrin vor dem Direktor des Gymnasiums stand? Ich dankte ihm für seine Güte gegen die Knaben. Solche Güte anzunehmen, schämte ich mich nicht, denn es ist der Staat, der den Bedrängten einen Teil der Pflichten abnimmt, die ihnen obliegen, um ihre Kinder zu tüchtigen Menschen heranzubilden. Er thut damit nur etwas Weises. Sie vermögen es ihm einst zu lohnen, indem sie gute Bürger werden. Wissen Sie, was er erwiderte? Daß er weder eine Eingabe noch einen Dankesbrief von meiner Hand empfangen! Nun, was sagen Sie dazu?—Sie unterschlugen Eingabe und Brief, Sie belogen mich, während ich Ihnen Hab und Gut hingab in grenzenlosem Vertrauen, ja mehr noch, mich Ihnen sogar anvertraute in Dingen, die schwer, wohl nie über die Lippen eines Weibes dringen, selbst unter gleichen Verhältnissen. Nun, Tibet, sind Sie der Agent des Herrn Baron von Teut?—Einmal wenigstens seien Sie wahr!“
Tibet schüttelte sich, als ob er die Flamme, die in seiner Brust emporstieg, auslöschen, als ob er die übermenschliche Erregung, die jeden Nerv pulsieren machte, abstreifen könne. Und dann drang es heiser aus seinem Munde: „Und doch waren meine Gedanken rein, meine Absichten die besten, meine Handlungsweise selbstlos; und doch war alles—so falsch die Mittel sein mochten—das Ergebnis meiner unbegrenzten Hingabe an Ihre Person. Das sagt Ihnen, Frau Gräfin, Ernst Tibet, der sich heute für immer von Ihnen verabschiedet.“
Er sprach's und verließ das Zimmer. Ange stand da, wie ein weißer Stein. Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Sie hörte, wie der Mann auf sein Zimmer ging. Sie sah durch die Mauern, daß er sich eilte, seine Sachen zu packen. Eine wahnsinnige Angst erfaßte sie; sie hätte aufschreien und ihm nachstürzen mögen, und doch hielten sie die nachwirkende Empörung—und das einmal gesprochene Wort zurück.—Nun ging auch er, der letzte, den sie hatte und der doch—sie wußte es—ein Freund war, wie außer Teut seinesgleichen nicht zu finden auf dieser liebeleeren Welt.