Nun ging's abermals ans Rechnen, aber die Zahlen waren wenig biegsam und trotzten allem Beschönigen. Und mit diesem Unvorhergesehenen war's nicht einmal am Ende! Wenn—wenn—Krankheit kam? Arzt, Apotheker—das Vielerlei, was zu einer sorgfältigen Pflege gehört! Ange sann und plante. Wo konnte noch gespart werden? Gab's nicht einen Posten, der überflüssig erschien?—Nein, nein!—Und wenn sie nun selbst krank ward, wenn sie gar—Was wurde aus den Kindern? Konnte sie nicht sterben? War's nicht erste, vornehmste Pflicht, an diesen Fall zu denken? Mußte sie nicht ihr Leben versichern?—Aber woher nehmen? Da fiel's wieder wie Regenschauer auf ihre Seele, da raunte ihr eine fürchterlich nüchterne Stimme zu, daß selbst der beste, ehrlichste Anfang doch nur ein schlechtes Ende haben könne. Sie vermochte mit ihrem kleinen Zinskapital nicht alles zu bestreiten. Es war unmöglich, unmöglich!

Aber Ange erstarkte in ihrem Pflichtgefühl und in ihrer Liebe zu den Kindern und beschloß zu handeln. Sie schrieb an den Direktor des Gymnasiums und bat um Nachlaß des Schulgeldes, indem sie begründete, worauf sie schon einmal hingedeutet hatte. Wegen einer Ermäßigung der Steuern befragte sie an einem der kommenden Tage ihren Nachbar um Rat. Sie empfand keine Scham dabei, während sie doch ehedem schon gezittert hatte, ihr Diener könne bemerken, daß ihr das Geld zur Reise fehle. Sie schüttelte verwundert den Kopf, als sie dieser Zeit gedachte; ja, sie begriff heute nicht, daß ihr das Eingeständnis ihrer bedrängten Lage jemals schwer geworden sei.

Und nun begann in der Folge der wirkliche Lebenskampf. Welche Auseinandersetzungen mit den Kindern, wenn sie nach alter Gewohnheit irgend etwas begehrten, das ihnen die Laune eingab!

„Nein, nein!“ sagte Ange.

„Weshalb nicht, Mama?“

„Weil ich es nicht will; weil es überflüssig ist.“

Die kleine Ange, bisher ohne eine Entbehrung, schielte dann wohl zum Einholen eines beipflichtenden Lächelns wegen dieser unerwarteten Worte zu den älteren Geschwistern hinüber. Aber sie fand kein Echo für ihren kindlichen Unverstand. Jene fühlten mit ihrem Instinkt, daß die Sache durchaus nichts Komisches habe.

* * * * *

Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang überlegte und in der Folge auch zur Ausführung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als bisher. Sie stand in aller Frühe auf und sorgte, daß die Kinder Frühstück erhielten und in die Schule gelangten.

Während die Magd Einkäufe machte und nach diesen an die Vorbereitung für das Mittagessen ging, besorgte Ange die übrige Hausarbeit.