„Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei unserem Knaben. Er schläft. Der Doktor meint, man müsse die Nacht abwarten, es würden vielleicht kalte Bäder nötig sein.“
„Und was ist es?“ fragte Ange äußerlich ruhig, innerlich von einer unbeschreiblichen Angst verzehrt.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Clairefort tonlos und ließ das Haupt wieder in die gestützte Rechte zurückfallen.
Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhängende Linke.
„Mein Carlos!“ hauchte sie leise und innig.
Er gab den Druck sanft zurück, aber er hob sie nicht auf, und für
Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises
Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrängter Seele emporstieg.
Sie wußten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm
hingesunken war und weinte.
War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der kräftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte?
Wie hatte man Ange ihr Glück geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lächeln, ihr sanfter Blick berauschten ihn, ihre Fröhlichkeit riß auch ihn mit fort, und jede noch so thörichte Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glückes teilte er mit ihr.
Und wie Carlitos geboren ward und später Jorinde und Erna—hatte er nicht im ungestümen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmücken lassen, seine Umgebung beschenkt und täglich stundenlang dankerfüllt an ihrem Bett gesessen? Und ähnlich war's noch, als die beiden schönen Knaben zur Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie er für ihre, für der übrigen Zukunft sorgen könne.
Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere Dinge beschäftigten ihn.
Es schien, als ob ihn etwas heftig bedrücke, als ob ein schwerer Kummer an ihm nage. Die Rückkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war immer nur eine vorübergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger, immer ausweichender, lebte nur für sich, schalt wohl einmal in heftigem Zorn, aber flüchtete sich doch wieder in seine Einsamkeit.