Plötzlich wandte er sich mit mühsamer, aber rascher Bewegung zu ihr, umfaßte sie mit seinen Armen, hob sie empor und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und—mit Thränen.
„Sag mir, was Dich beunruhigt, mein Carlos, was Dich bedrückt neben Deiner Krankheit, um die ich Tag und Nacht sorge,“ hob Ange endlich an und schmiegte sich fester an die Brust ihres Mannes.
Clairefort zitterte, als ob er an ein Verbrechen erinnert werde. Sie fühlte es. Ein drängendes, unerklärlich angstvolles Gefühl jagte durch ihr Inneres.
Aber er stand ihr nicht Rede, selbst jetzt nicht, wo ihre Seelen in
Liebe und Zärtlichkeit zusammenschmolzen, selbst jetzt nicht, wo das
Höchste sie ergriff, was Menschenbrust zu durchdringen vermag.
Sie war zu vornehm geartet, etwas erzwingen zu wollen, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. Und um ihn nicht im Zweifel zu lassen, flüsterte sie besänftigend:
„Nicht Neugierde läßt mich bitten, mein einziger teurer Carlos, nur
Sorge—Sorge—um Dich—“
Die letzten Worte wurden erdrückt durch ihr Schluchzen. Er aber seufzte, von Seelenschmerz gefoltert, tief auf, und nun sein Haupt an ihrer Brust bergend wie ein Kind, hauchte er: „O Ange, Ange, Du Engel—nicht nur dem Namen nach ein Engel!“
Nachdem Ange ihren Mann verlassen hatte, beherrschte sie nur der einzige Gedanke, wie sie ihrem Kinde helfen könne. Sie ordnete an, daß noch einmal zum Doktor gesandt werde, und widerrief es doch wieder, weil er kaum vor einer Stunde das Haus verlassen hatte. Sie befahl, anzuspannen, um zu ihm zu fahren, und doch sandte sie den Wagen wieder fort. Endlich beschloß sie noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen und dies bei jenem am nächsten Tage durch ihre Angst und Sorge zu entschuldigen. Sie schrieb auch wirklich ein Billet, und ein Diener mußte damit forteilen; aber er kam unverrichtet Sache zurück, da jener aufs Land gerufen war.
Nun endlich wandte sie sich mit ihren Gedanken zu Teut.
Konnte sie den Freund in so später Abendstunde zu sich bitten?