Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf den Bock.
„Halt! halt—noch einen Augenblick!“ rief Ange und klopfte ungestüm an die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. „Zu Befehl, Frau Gräfin!“
So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die Dienerschaft wandte sich ins Haus zurück. Auf dem Flur, auf der Treppe wehte noch der Duft ihrer Gewänder. In allen Zimmern brannten die Kandelaber—überall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder schmollten, daß sie nun, weniger rücksichtsvoll angehalten als vorher, ins Bett getrieben wurden: und ins heiße, schwüle, von Parfüm erfüllte Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und silberne Leuchter entzündet waren, in welchem die geöffneten Schmuckkästchen mit all ihren zurückgebliebenen Herrlichkeiten achtlos umherstanden und in dem die Luft, die eine schöne, vornehme Frau ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstände zu umhüllen schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen.—
Unwillkürlich verstummte das laute Gespräch in den Sälen, unwillkürlich traten die Reihen der Gäste zurück und unwillkürlich mußten auch die eifersüchtigsten Frauen emporblicken, als die Gräfin Ange von Clairefort an der Seite ihres Mannes die Räume in dem Hause des Obersten betrat. Es giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob plötzlich ein Schwan mit lautem Flügelschlag vorüberrauscht.
Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die sich ihr nicht näherten, fanden nur nicht den Mut, der schönen, strahlenden Frau auszudrücken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein Händchen reichen.
Ange hörte, daß man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein bedauerndes „O! o!“ huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen Überraschung bemerkte, schlüpfte sie durch die sich drängenden und sich arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den seinigen.
„Gnädige Frau?!“
„Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst, da ich ihn für Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja eine Polonaise.“ schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden mit sich fort.
Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne daß die pausierenden Paare ihr zuschauten. Man mußte sie ansehen, denn eine Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben.
Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glückliche Lächeln über die sanften Züge flog und sie das Köpfchen zur Seite neigte. Es lag in dieser Zurückhaltung gleichsam eine Andeutung, daß sie sich zwar jeder Laune ihres Tänzers füge, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres Kavaliers gelöst hatte, verschwand diese fast mädchenhafte Schüchternheit, und ihr lebhaftes Temperament riß sie wieder fort. Sie schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und hörte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu.