Jetzt erinnerte sie sich wieder ihres Schmuckes. Bei dieser Überlegung ängstigte sie es aber, daß Tibet ihn ausbieten, in C. ausbieten, wenige Tage nach Carlos' Begräbnis denselben veräußern solle. Nein, auch das gewann Ange nicht über sich.
Endlich erhob sie den Blick zu dem Manne, der mit der ernsten und bekümmerten Miene vor ihr stand, und sagte: „Was raten Sie, jetzt zu thun, Tibet?“
„Frau Gräfin,“ stieß dieser heraus, „wollen Sie mir nicht zürnen? Ich wüßte wenigstens vorläufig für das Drängendste Hilfe, wenn Sie diese annehmen wollten. Verzeihen Sie, wenn ich mich unbescheiden aufdränge—ich habe ein kleines Kapital gespart, darf ich dieses—“
„O braver Mensch!“ rief Ange gerührt; aber sogleich verbesserte sie sich: „Nein, Tibet, nein! Auch Sie noch der Ungewißheit preisgeben? Niemals! Ich darf Ihr Anerbieten nicht annehmen!“
„Sie können mir ja den Vorschuß später zurückgeben, Frau Gräfin,“ beharrte Tibet stockend. „Es ist ja Ihr eigen Geld—ich empfing es von Ihnen—ich verdanke es Ihrer Güte.“
Ange, zwar ergriffen von Tibets selbstlosem Zureden, aber, ihrer Veranlagung entsprechend, gerade deshalb von ihrem Gefühl lediglich beherrscht, hörte nicht auf seine Worte. Sie schüttelte den Kopf und zeigte in ihren Mienen ein deutliches Nein.
In diesem Augenblick meldete einer der Diener, daß Frau von Ink vorgefahren sei und um die Erlaubnis bitte, der Frau Gräfin aufwarten zu dürfen.
War dies nicht ein Fingerzeig des Himmels? Ange schwankte unschlüssig; endlich neigte sie den Kopf und der Diener eilte fort.
Gleich darauf hörte sie auch schon, wie Olga in ihrer ungestümen, etwas plumpen Weise den Wagenschlag hinter sich zuwarf und die Treppen der Villa hinaufeilte. Und nun trat sie, von Tibet gemeldet, ins Zimmer, umarmte Ange mit allen Zeichen der Betrübnis und setzte sich ihr mit dem Ausdruck aufrichtigster Teilnahme gegenüber. Dabei streifte ihr Blick das Gemach, und die kleinen Unordnungen blieben ihr nicht verborgen.
Nach einem längeren Austausch über den Verlauf der Krankheit und die letzten kummervollen Tage nahm Olga das Wort und sagte: