So stand das arme Weib, in der Hand die wenigen Goldstücke und das Herz voller Zweifel, Sorgen und Ängsten. Sie befand sich in einem Zustande des grausamsten Kampfes. Ihre gute Natur lehnte sich auf gegen die geheimen Flüsterstimmen ihres inneren, welche ihr zuriefen: Sprich irgend eine Lüge und Du wirst Dich aus Deiner Sorge befreien!

Immer wieder durchkreuzten ihre Gedanken die Frage: Wo schaffst Du Dir
Geld? Und immer wieder antwortete das geschäftige Teufelchen: Meide die
Wahrheit, umgehe, verschweige sie und verbirg Deine Not unter einer
sorglosen Miene.

Und diese flüsternde Stimme hatte nicht ganz unrecht. Olgas Brief gab den Beweis. Einmal beschloß Ange, sich der Gouvernante anzuvertrauen, aber sie verwarf diesen Plan wie alle anderen. Lügen, verheimlichen konnte sie nicht: offen alles darzulegen, verbot ihr nach den gewonnenen Erfahrungen die Klugheit.

Inzwischen kehrte der Diener zurück und meldete, daß der Zug um die Mittagszeit abginge. Es fehlten noch einige Stunden. Schon wollte er sich nach Erledigung seines Auftrages entfernen, als Ange gleichgültig hinwarf:

„Wissen Sie zufällig den Preis des Billets, Philipp?“

Der Diener bejahte, indem er in einem Kursbuch nachschlug, das er gekauft hatte und Ange einhändigte.

Wie bezeichnend war es!

Während er suchte, beunruhigte Ange der Gedanke, daß dieses Büchlein noch bezahlt werden müsse, daß der Diener den Betrag verauslagt habe.

Nun nannte dieser den Fahrpreis für die erste Klasse.

„Und die zweite?“ fragte Ange obenhin, indem sie in ihren Gedanken die genannte Summe hastig mit ihrem kleinen Besitz verglich. „Gut, ich danke Ihnen.“