Eine grenzenlose Reue überkam sie. Nur ihr Stolz regte sich noch.

Mit welchem Selbstgefühl hatte sie geredet! Wie an einer Mauer waren alle seine verständigen, rührenden, flehenden Bitten zerschellt. Und wie schwach war doch der Faden gewesen, an dem ihre Festigkeit gehangen!

Jedes Menschenherz war—so überlegte Imgjor—zu rühren, wenn nur der
Rechte kam und es richtig angesprochen wurde.

Nun sehnte sie sich fort, nun kamen ihr doch die Erinnerungen an
Rankholm.

Rankholm! Rankholm! Das war das Paradies ihrer Jugend!—Eine namenlose
Sehnsucht ergriff ihr Inneres jetzt. Erst nach einem todestraurigen
Sinnen raffte sie sich empor, fand sie die alte Kraft ihrer Seele, ihr
Pflichtgefühl und ihren opferfreudigen Sinn zurück, und trat mit der
gewohnten Selbstlosigkeit an das Bett ihrer Kranken.———

* * * * *

Am folgenden morgen empfingen Imgjors immer sich in gleicher Richtung bewegenden Gedanken durch den Inhalt eines mit der Post eingegangenen Briefes eine Ablenkung.

Eine Dame der vornehmen Gesellschaft, eine Baronin von Kliff, mit der Imgjor wiederholt bei Bestrebungen für wohlthätige Zwecke in Berührung gelangt war, bat sie in sehr dringender Weise, sich um die Mittagszeit in ihrem Palais einfinden zu wollen, um dort einer Sitzung zu Zwecken der Begründung eines dänischen Mädchenheims beizuwohnen. In diesem sollten der Schule entwachsene, junge, weibliche Personen zu Dienstmädchen herangebildet, es sollte ihnen in allem Unterricht erteilt werden, was für Küche und Hauswesen erforderlich war. Auch Handarbeit und Schneidern wollte man sie lehren und insbesondere auch moralisch auf sie einzuwirken suchen.

Die Baronin beabsichtigte durch dieses Heim denen die Hand zu bieten, welche infolge ihrer mangelhaften Ausbildung keine Beschäftigung finden konnten und deshalb der Gefahr ausgesetzt waren, sittlich zu verkommen. Und gerade deshalb ward Imgjors Interesse auf's lebhaftere angefacht.

Im Palais traf sie die Damen, mit denen sie während der Jahre ihres Aufenthaltes in der Residenz wiederholt in Wohlthätigkeitsangelegenheiten zusammengetroffen war, fast sämtlich beisammen, wich deren ihre Person betreffenden Fragen möglich aus, nahm aber größten Anteil an den Verhandlungen und trat, etwa drei Stunden später, reichlich erschöpft, und sich schon vor dem Palais von den übrigen trennend, den Rückweg an.