Auch Graf Dehns schlanke Gestalt tauchte, wie damals, in den Wegen des
Parkes auf, und nun eben richtete er die Schritte dem Schloßdurchgang
zu, trat ins Innere, begab sich in seine Zimmer, und von dort, nach
Ordnung seiner Toilette, zu der Gräfin.

Einige freie Stunden lagen vor ihnen, und sie wollte die Gräfin heute benutzen, um Axel einen Einblick in die Vergangenheit zu verschaffen. Sie wollte, daß es geschah, bevor Imgjor kam, die nach einer langen, schweren Krankheit so viel Kräfte zurückgewonnen hatte, daß sie in Begleitung des Doktor Stede eine Reise nach Rankholm zu unternehmen vermochte. Hier wollte sie versuchen, ihre Gesundheit völlig zurückzugewinnen.

Stillschweigend war das alte Verhältnis zwischen ihnen wieder eingetreten. Solche Not und solche Trübsal, wie sie über Imgjor gekommen,—führten von selbst einen Ausgleich herbei.

Wiederholt hatten Lavards an dem Krankenbett Imgjors gestanden, und sie hatte ihre Besinnung erst ganz allmählich zurückgewonnen.

"Willst du nach Rankholm kommen, um dich dort ganz zu erholen, Imgjor? Papa schickt dir einen herzlichen Gruß und bittet darum—" hatte Lucile eines morgens gesagt, und der Kranken waren die Thränen der Rührung aus den Augen gestürzt.—

Nachdem die Gräfin sich zurechtgerückt und einen ihrer gewohnten forschenden Blicke auf Graf Dehn geworfen, sagte sie:

"Ich werde mich kurz fassen, Graf Dehn, weit kürzer, als es ursprünglich meine Absicht war. Das Wesentlichste: Imgjors Herkunft, wurde Ihnen schon durch einen Zufall enthüllt. Ich komme nur auf meine Zusage und Ihren Wunsch zurück, weil ich von Ihnen, den ich wie meinen Sohn betrachte, so beurteilt werden will, wie ich dazu ein Recht besitze. Ich will's aber auch, damit Sie meines Mannes Handlungsweise, richtig würdigen.

Endlich spreche ich auch, weil ich die Hoffnung hege, daß Sie diejenigen
aufklären, denen ich keine Mitteilungen zu geben vermag. Stolz und
Zartsinn verbieten mir, über solche Dinge mit meinen Töchtern zu reden.
Es könnte scheinen, als ob ich mich verteidigen wolle.

Zur Einleitung—" hier zog die Gräfin aus ihrem goldumränderten Nähkorb ein kostbar umrahmtes Pastellbild hervor—"betrachten Sie sich dieses Porträt. Sie werden dann leichter verstehen, wie mein Mann dazu gelangte, sich in Leonie Monier zu verlieben, und welche Kämpfe ich mit meinem Ich zu bestehen hatte—"

Graf Dehn griff nach dem Gebotenen und unwillkürlich entglitt seinem
Munde ein Laut bewundernden Entzückens.