"Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,"—schloß sie ihre Rede—"enthüllt, was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich berechtigt waren.—Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie später aus meinem Munde vernehmen."

Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er, gedrängt, noch mehr zu hören: "Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!"

"Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden Zeugen auszusprechen.

Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme—äußerte sie—muß ich wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden. Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht."—

Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste im Schloßhof von Rankholm.

War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischer
Erdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.

Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war, flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.

Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste, bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.

So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet hatte.—Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall.

Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende, unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei jedem Gang besonders gereicht wurden.