Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.
Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge Gnade für Recht ergehen lassen—
"So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!" stieß Imgjor, ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.
Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durch
Blicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.
In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.
Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, roheste
Leidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung traten
ihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solches
Beispiel vor Augen.
Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit einer inneren Erziehung begonnen werden?
Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:
"Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen."
Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.