Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran, ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin.
Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte
Carin:
„Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt. Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!“
Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als
Carin geendigt hatte, sagte er:
„Sie gehen vielleicht etwas weit — aber — drum und dran — er ist kein guter Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!“
„Und wir haben recht!“ fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort: „Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben, und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch wahrlich nur die Hand auszustrecken. — Ich weiß wohl, was Sie sagen wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen! Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie, Herr Hederich,“ hier senkte Carin die Stimme, „was mir Frege neulich mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau Cromwell, worin auch des Schriftstücks — Sie wissen, der Erbteilverschreibung — Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders — natürlich viel günstiger gelautet habe. Brecken hat also —“ hier schossen Carins Augen unheimliche Blicke — „sicher eine Fälschung begangen!“
„O nein, nein, Fräulein Carin,“ fiel Hederich erschrocken ein und sprach wieder das Wort Carin sehr breit. „Da gehen Sie doch wieder zu weit! So schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist schlau, und er wäre es noch mehr, wenn — drum und dran — ihn sein Blut nicht oftmals fortreißen thäte.“ Und forschend schloß er: „Hat Frege Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?“
Carin nickte.
„Und was hat sie erwidert?
„Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut. Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens — denn ihre hervortretende gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur — und andererseits die Pietät, welche sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute Komödie! — Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die Jungen mit den Alten?“