Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie groß die Summe sei, die Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem übrigen, damit nicht hervortrat, mußte er sich gedulden. Er sah keine Möglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage bloßzustellen, dem, was ihn beschäftigte, gesprächsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein Entschluß verstärkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten würde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine geheimen Pläne zu verfolgen.
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Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederließ und bei der angesteckten Pfeife die gegenwärtigen und kommenden Dinge nochmals überlegte, drängte sich ihm auch die Sorge für das Nächstliegende auf. Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob er Geld bedürfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast ganz ausgegangen. Die Kosten für seine letzte Reise hatte Frege bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war. Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht drückte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelüste bisher in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel für das Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlaß des alten Onkels ging auch zu Ende.
Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedürfnisse regten sich in ihm, die er früher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte unterdrücken müssen.
Natürlich! Je früher er Theonie seinen Entschluß kund gab, Falsterhof zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine Genußsucht und seine Ungeduld überwogen häufig seine Klugheit und Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn, lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann überlegte er wieder, wie groß der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen werde, wenn er möglichst lange mit seiner Abreise zögerte, und dem, was Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde.
Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie erfaßte, würde sie vielleicht die Abfindungssumme höher normieren. Also warten, trotz allem warten!
Als er sich später in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn plötzlich das Mißtrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in das Testament zu gewinnen.
Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln ließ und einen Spazierritt unternahm.
In jedem Fall beschloß er, nachdem an diesem Abend sich alles in Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlüssel zum Inhalt der Schublade gelangen könne, an der er Theonie heute hatte hantieren sehen.
Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, hielt er unwillkürlich sein Pferd an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm — er befand sich auf einer Anhöhe — lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen gehörte. Die weißen Wände des Herrenhauses schauten malerisch aus dem Grün hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende Tannenwälder reizvoll von der übrigen Umgebung ab.