Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte, ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener.
„Ich suchte ihn auch, Mama —“ erklärte Grete.
„Grete, Du?“ ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.
Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch ihrer Mutter Hand.
„Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!“ begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung erbittenden, weichen Ausdruck nieder.
„Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?“ fuhr sie drängend fort. „Ich komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und meinem Mann —“
Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem legten Satz unwillkürlich in die Höhe.
„Ich will los von ihm!“ fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden fort. „Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm trenne.“
Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne.
Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht, vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln.