Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer.
Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte.
„Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine
Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter —“
„Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!“
„So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen, in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und, bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun, antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!“
Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung. Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, ernst und würdevoll:
„Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen, für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!“
Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte, überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken, über die ganze Idiotengesellschaft dachte.
Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem Lehnsessel hockte, murmelte er:
„Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch mein Ungestüm meist wieder aufgehoben.“