Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse, durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer trauriger aus.
Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie, aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt. Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in einem halben Jahre entscheiden.
Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben, indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.
Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren werde. —
Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und gleich bei der ersten Berührung geäußert:
„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, den ich Ihnen nicht leisten würde.“
Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war, etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen bestimmt.
Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.
Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte, befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit.
Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als Kätnerin verbesserte.