„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. Einen Augenblick —“
Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.
„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof. Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen, und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, ohne Antwort.“
„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und machte sich rasch davon.
Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und suchte es zu beruhigen.
Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein Erlösungsschrei aus ihrer Brust.
Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein.
Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt habe?!
Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!
Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.