Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden, horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich strenge Miene seiner Mutter und zuletzt — seltsam, — der alte Frege. Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das Gesicht und schlich bis an die Thür.

Ein Druck — sie gab nach — jetzt war sie angelehnt. — Er horchte — sein Herz pochte — Nichts. — Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung — nun war er im teppichbedeckten Vorzimmer.

Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und sie mit der Rechten würgen — so lange würgen — bis — —

Aber was war das? — Theonie regte sich — Tankred wich unhörbar zur Seite. — Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock. — Wohl zwei Minuten stand er regungslos da. — — Ohne zu sehen, war's ihm, als ob Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken durch das Dunkel spähe. — Endlich — endlich — war sie wieder eingeschlafen — ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach. — —

So, und nun vorwärts! —

* * * * *

Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben — er vermochte nicht, es zu entscheiden — entstand ein Geräusch, und während er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien — ja, es war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit! — in Hemdsärmeln und mit in der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte, eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, so erreichte er doch das Freie.

Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken — er glaubte ihn sicher zu erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen — durch den Park fliehen. Einen Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt. Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei drang durch das Haus — — Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu:

„Die gnädige Frau! — Die gnädige — Frau — liegt tot im Bett — —“

Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen, was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war. —