Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden
Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst
zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur
Raserei peinigten.

* * * * *

Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: „Was sollst du noch auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein Leben gewidmet hattest?“ Frege hatte während seiner langen Dienstzeit nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand, und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden, neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.

Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.

Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst — Leben, ja! essen, trinken, schlafen. — Aber welch ein leeres Dasein! — Gab's noch irgend etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen des Henkers zu sehen! —

Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und weidete sich an der Dual des Scheusals. — Und Gott würde ihm vergeben! Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern?

Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet hatte, und näherte sich ihrem Totenlager.

Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von flehendem Entsetzen!

Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht. Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte. — Noch tags vor ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war der feige Einbrecher erschienen und hatte — hatte — O Gott, o Höchster über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles geschehen war!

Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege geweckt worden — aber zu spät — — zu spät — — Und daß das Tier sich gerade an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen! Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen gleich erscheinenden Schicksalen gewesen! — War darin Sinn und Verstand? — Vielleicht doch! — Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.