Inzwischen überlegte Theonie, durch den Brief und das Gespräch mit der Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich noch heute mit Tankred endgültig auseinanderzusetzen. Sie vermochte seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hören vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr Gewalt anzuthun. Im höchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, daß sie am Spätnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter öffnen wollte, das Schloß verdreht fand. Daß Tankred versucht habe, das Innere zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu bringen, schon am nächsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervösen Angst und Furcht, die sie beherrschten, erhöhte sich ihre Bereitwilligkeit zu Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang, Grete von der Linden heimzuführen, würde er immer in ihrer Nähe bleiben. Der Aufenthalt auf Falsterhof würde für sie eine Qual werden; sie mußte am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin zurückkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her.

Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm gegenüber saß, Auge gegen Auge, war sie gefaßter, ja, dann empfand sie kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall ihr vielleicht günstig sein.

So beruhigte Theonie sich denn endlich, ließ eins der Mädchen kommen und befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett aufschlagen. Sie wünsche, da sie sich nicht wohl fühle, nachts Aufwartung zur Hand zu haben, erklärte sie, und dasselbe äußerte sie gegen Frege, als er den Abendtisch deckte.

„Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,“ schloß Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, daß Frege sich mit dem einen Bein schwerfällig bewegte.

Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentümlichen Blick an.

„Von ihm! — Er war's!“ stieß er dann finster und ganz gegen seine
Gewohnheit heftig heraus.

„Er? Wer? Von wem sprechen Sie?“

Noch zögerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller, die er eben verteilen wollte, absetzend:

„O, liebe gnädige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muß sprechen. — Es liegt etwas Schreckliches über Falsterhof — es kommt von dem jungen Herrn. Ich bitte, hüten Sie sich. — Ja, ja, ich weiß, Sie denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil er kein Recht hatte zu reden über Sachen, die allein die Herrschaft angehen.“

„Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?“ drang's in Todesschrecken aus
Theonies Munde. „Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie
wissen. — Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins
Wohnzimmer! So, nun — nun —“ hauchte Theonie und sank übermannt von den
Eindrücken in einen Lehnstuhl.