Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte, gab Grete dem Gespräch eine andere Wendung und bat Tankred, einige Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er darin Meister war, erntete er großen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung.

Es war für ländliche Verhältnisse schon spät, als der Stallknecht
Tankreds Fuchs vorführte. Unter einem „Auf Wiedersehen am Schluß der
Woche“ und einem „Vergessen Sie es nicht!“ von Grete, dem Frau von
Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied.

Nach Falsterhof zurückgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall und zäumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich darüber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlägen, daß nur sie sein Innerstes beherrschten.

Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich erst allmählich. Nun hallten Tankreds Schritte über die Steinfliesen, und er öffnete die Thür seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf, war ein weißes Kuwert, das auf dem Tisch lag. „Ah —! Sicher eine Antwort von Theonie!“ Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels zu entledigen, ungestüm danach und las:

‚Da ich morgen Falsterhof verlasse, mußt Du Dich bei Deinem Entschluß, noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen. Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast, — ich möchte sonst bitten, Dich mit Justizrat Brix, der über alles orientiert ist, in Verbindung zu setzen, — muß es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frühstück geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt.

Theonie.‘

„Also doch!“ murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können, schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken. — Der Mann warf den Kopf zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden. — Künste? Theonie gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen. — Daß er sich auch von seiner Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen habe. —

Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort erhalten habe: „Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!“ Der junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt, das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.

Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche; auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf. — Dann aber war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis zum Morgen.

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