Was sich jetzt diesem jungen Leben eröffnete, war schmerzlich genug.
Theonie war zwar Erbin des großen Besitzes, aber stand völlig allein in der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besaß, war Tankred von Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spähte. Aber schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte sich ihrer eine unauslöschliche Abneigung gegen ihn bemächtigt. Tankred war glatt, höflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an die Züge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil über seinen Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lösen vermochten.
Tankred war der einzige Sohn eines jüngeren Bruders des verstorbenen Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram über die Verkommenheit ihres Sohnes, der früher als Schreiber auf adligen Gütern thätig gewesen war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten können und sich zuletzt — gleich nach dem Ableben seiner Mutter — auf Falsterhof eingefunden hatte. Hier saß er nun schon seit Monaten umher, erklärte, sich trotz seiner Bemühungen keine neue Thätigkeit verschaffen zu können, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem Wesen eingenommen war, genügenden Rückhalt, um sein Faulenzerleben fortzusetzen.
Ganz allmählich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu machen gewußt; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn, rauchte dessen zurückgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife und schritt mit seinem Feldstock über das Gut.
Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, daß ihm bei Tisch nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und daß ihm Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur älteren und besonders geschätzten Personen verschafft.
Tankred sprach mit solcher Offenheit über sein Vorleben, drückte eine anscheinend so ehrliche Reue darüber aus, seinen Eltern Kummer bereitet zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte, schlechte Gewohnheiten zurückzuversinken, und wußte seine Tante in so geschickter Weise zu umschmeicheln, daß die Frau sich völlig umgarnen ließ und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes zuflüsterte, gefangen gab.
„Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen, Theonie!“ hatte sie ihrer anfangs noch schüchterne Einwendungen machenden Tochter gesagt. „Menschen können sich doch ändern! Diesen jungen Mann haben die Lebenserfahrungen früh weise gemacht. Ich glaube an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin überzeugt, daß er fortan nur grade und gute Wege gehen wird.“
Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar
fallen lassen, daß es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum
Oberverwalter des Gutes und des Vermögens einzusetzen, ihm auf diese
Weise Thätigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natürlicher
Rücksicht gegen den einzigen Verwandten zu üben, den sie noch auf der
Welt besäßen.
Mit allen Zeichen höchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehört.
„Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch sechs Wochen vor ihrem Tode, daß Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, daß man sich um so mehr vor ihm hüten müsse, als er ein großer Künstler in der Verstellung sei, daß er die Herzen der Menschen umstricke, sich ihnen füge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch erschrocken warst über sein plötzliches, unaufgefordertes Erscheinen hier, schwörst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch wäre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir müßten eher große Opfer bringen, um ihn für immer von uns zu entfernen, als daß wir darüber sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weißt Du, was ich glaube? Nicht nur zu Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fähig, sondern unter Umständen zu einem Verbrechen!“