„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man behandeln als das, was er ist!“

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies
Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat
Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr
angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“

Tankred nickte.

„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“

Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel.

„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds beschlossen habe.

„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete
Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid gegeben.