Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus.

„Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau Pastorin! Sicher!“ schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei zu erobern war. —

* * * * *

Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch
und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre
Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin
Helge gehabt hatte.

Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß
Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine
Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete
hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß
Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle.

Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder zu verlassen. „Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden, liebe Carin.“ Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen, das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.

Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten kann.

Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile gewärtig sein konnten.

Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen. Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf Tankred.

Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas
Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas
Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte.