„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“
„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“
„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“
In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und
meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn
Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die
Frau Pastorin sprechen zu dürfen.
Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten abzufertigen.
Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt, äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß Tankred wisse, wer bei ihr sei:
„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage: Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt haben? Man sagt so!“
Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“
Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge klarzustellen.“
In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar nicht in den Sinn gekommen wäre.