An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.

Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf. Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz.

Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten sämtlich einen geläuterten Geschmack.

Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr unterschieden.

Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer Besprechung unterzogen werden.

Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei ihr eintrat.

„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen.
Grete —“

„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama! Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“

Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also einmal ruhig an.

Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen hatte.