Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, das wie eine jede Zeit vielerlei Gesichter zeigen kann und mit der Vorstellung von galanten Romanen und heiter-schnörkelhaften Porzellanfiguren keineswegs erschöpft ist, wuchs in Großbritannien eine neue Art von Christentum und christlicher Betätigung heran, die sich aus einer winzigen Wurzel ziemlich rasch zu einem großen exotischen Baume auswuchs und welche einem jeden heute unter dem Namen der evangelischen Heidenmission bekannt ist. Es gibt auch eine katholische, die jedoch nichts Neues und Seltsames vorstellt, da von allem Anfang an die römische Kirche sich als ein Weltreich eingeführt und gebärdet hat, zu dessen Rechten, Pflichten und selbstverständlichen Arbeiten das Unterwerfen oder Bekehren aller Völker gehört, das ja denn auch zu allen Zeiten stark betrieben worden ist, bald auf die heilig-liebreiche Art der irischen Mönche, bald in der rascheren und unerbittlicheren Weise Karls des Großen. Im schärfsten Gegensatz hierzu aber hatten sich die verschiedenen protestantischen Gemeinschaften und Kirchen entwickelt, die sich von der katholischen Universalkirche eben dadurch am stärksten unterschieden, daß sie Landeskirchen waren und jede von ihnen dem geistlichen Bedürfnis einer bestimmten Nation, Rasse und Sprache diente: Hus den Böhmen, Luther den Deutschen, Wiclif den Engländern.
Wenn nun diese von England ausgehende protestantische Missionsbewegung also eigentlich dem Wesen der protestantischen Kirchen widersprach und auf das apostolische Urchristentum zurückgriff, so war allerdings äußerlich nicht wenig Grund und Anlaß dazu vorhanden. Seit dem glorreichen Zeitalter der Entdeckungen hatte man allerwärts auf Erden entdeckt und erobert, und es war das wissenschaftliche Interesse an der Form entfernter Inseln und Gebirge ebenso wie das seefahrende und abenteuernde Heldentum überall einem modernen Geiste gewichen, der sich in den entdeckten exotischen Gegenden nicht mehr für aufregende Taten und Erlebnisse, für seltsame Tiere und romantische Palmenwälder interessierte, sondern für Pfeffer und Zucker, für Seide und Felle, für Reis und Sago, kurz für die Dinge, mit denen der Welthandel Geld verdient. Darüber war man häufig etwas einseitig und hitzig geworden und hatte manche Regeln vergessen und verletzt, die im christlichen Europa Geltung hatten. Man hatte eine Menge von erschrockenen Eingeborenen da draußen wie Raubzeug verfolgt und niedergeknallt, und der gebildete christliche Europäer hatte sich in Amerika, Afrika und Indien benommen wie der in den Hühnerstall eingebrochene Marder. Es war, auch wenn man die Sache ohne besondere Empfindsamkeit betrachtet, recht scheußlich hergegangen und recht grob und säuisch geräubert worden, und zu den Regungen der Scham und Entrüstung im Heimatvolke, deren Folge schließlich das geordnete und anständige Kolonisieren war, gehörte auch unsere Missionsbewegung, fußend auf dem durchaus richtigen und schönen Wunsche, es möchte den armen hilflosen Heiden- und Naturvölkern von Europa her doch auch etwas anderes, Besseres und Höheres mitgebracht werden als nur Schießpulver und Branntwein.
Mag man nun über Wesen, Wert, Bedeutung und Erfolg dieser Heidenmissionen denken wie man will, jedenfalls steht fest, daß sie gleich jeder anderen wahrhaft religiösen Bewegung aus reinem Herzen und Willen entsprangen, daß edle und nicht unbedeutende Männer in treuer Überzeugung und Absicht sie begründet haben und daß bis zum heutigen Tage viele ebensolche Männer sich in ihren Dienst stellten. Wenn sie nicht alle Helden und Weise waren, so gab es doch solche unter ihnen, und wenn einzelne sich vielleicht nicht eben rühmlich bewährten, so wäre es unbillig, dies dem Ganzen als Schuld anzurechnen.
Jedoch genug der Einleitungen! Es kam in der zweiten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts in England nicht allzu selten vor, daß wohlmeinende und wohlwollende Privatleute sich dieses Missionsgedankens tätig annahmen und Mittel zu seiner Ausführung hergaben. Geordnete Gesellschaften und Betriebe dieses Behufes aber, wie sie heute blühen, gab es zu jener Zeit noch nicht, sondern es versuchte eben ein jeder nach eigenem Vermögen und auf eigenem Wege die gute Sache zu fördern, und wer damals als Missionar in ferne Länder auszog, der fuhr nicht wie ein heutiger gleich einem wohladressierten Poststück durch die Meere und einer geregelten und organisierten Arbeit entgegen, sondern er reiste mit Gottvertrauen und ohne viele Anleitung geradenwegs in ein zweifelhaftes Abenteuer hinein.
In den neunziger Jahren entschloß sich ein Londoner Kaufherr, dessen Bruder in Indien reich geworden und dort ohne Kinder gestorben war, eine bedeutende Geldsumme für die Ausbreitung des Evangeliums in jenem Lande zu stiften. Ein Mitglied der mächtigen ostindischen Kompagnie, sowie mehrere Geistliche wurden als Ratgeber herbeigezogen und ein Plan ausgearbeitet, nach welchem zunächst drei oder vier junge Männer, mit einer hinlänglichen Ausrüstung und gutem Reisegeld versehen, als Missionare ausgesandt werden sollten.
Die Ankündigung dieses Unternehmens zog alsbald einen Schwarm von abenteuerlustiger Mannheit heran, erfolglose Schauspieler und entlassene Barbiergehilfen glaubten sich zu der verlockenden Reise berufen, und das fromme Kollegium hatte alle Mühe, über die Köpfe dieser Zudringlichen hinweg nach ernsthaften und würdigen Männern zu fahnden. Unter der Hand suchte man vor allem junge Theologen zu gewinnen, doch war die englische Geistlichkeit durchweg keineswegs der Heimat müde oder auf anstrengende, ja gefährliche Unternehmungen erpicht; die Suche zog sich in die Länge, und der Stifter begann schon ungeduldig zu werden.
Da verlor sich die Kunde von seinen Absichten und Mißerfolgen endlich auch in ein Bauerndorf in der Gegend von Lancaster und in das dortige Pfarrhaus, dessen ehrwürdiger Herr seinen Neffen, einen jungen Bruderssohn namens Robert Aghion, als bescheidenen Amtsgehilfen bei sich in Kost und Wohnung hatte. Robert Aghion war der Sohn eines Schiffskapitäns und einer frommen fleißigen Schottin, er hatte den Vater früh verloren und kaum gekannt und war als ein Knabe von guten Gaben durch seinen Onkel, der ehemals selbst in Roberts Mutter verliebt gewesen war, auf Schulen geschickt und ordnungsgemäß auf den Beruf eines Geistlichen vorbereitet worden, dem er nunmehr so nahe stand als ein Kandidat mit guten Zeugnissen aber ohne Vermögen es eben konnte. Einstweilen stand er seinem Oheim und Wohltäter als Vikarius bei und hatte auf eine eigene Pfarre bei dessen Lebzeiten nicht zu rechnen. Da nun der Pfarrer Aghion noch ein rüstiger Mann am Ende der Fünfziger war, sah des Neffen Zukunft nicht allzu glänzend aus. Als ein armer Jüngling, der nach aller Voraussicht nicht vor dem mittleren Mannesalter auf ein eigenes Amt und Einkommen zu rechnen hatte, war er für junge Mädchen kein begehrenswerter Mann, wenigstens nicht für ehrbare, und mit anderen als solchen war er nie zusammengetroffen.
So war denn sein Gemüt wie sein Schicksal nicht frei von verdunkelnden Wolken, die jedoch über seinem bescheidenen und harmlosen Wesen mehr wie bedeutsame Verzierungen denn wie gefährliche Feinde schwebten. Zwar sah er, als ein gesunder und einfach fühlender Mensch, nicht ein, warum gerade er, der studiert hatte und den die geistliche Würde umfloß, im Liebesglück und in der Freiheit zu heiraten hinter jedem jungen Bauern oder Weber oder Wollenspinner zurückstehen müsse, und wenn er zuweilen eine festliche Trauung auf der kleinen gebrechlichen Orgel der Dorfkirche begleitete, war sein Gemüt nicht immer frei von Unzufriedenheit und Neid. Aber eben seine einfache Natur lehrte ihn, das Unmögliche aus seinen Gedanken zu verbannen und sich an das zu halten, was ihm bei seiner Lage und bei seinen Fähigkeiten offen stand, und das war gar nicht wenig. Als Sohn einer herzlich frommen Mutter hatte er einen schlichten, bewährten Christensinn und Glauben, welchen als Prediger zu bekennen ihm eine Freude war. Seine eigentlichen geistigen Vergnügungen aber fand er im Betrachten der Natur, wofür er ein feines Auge besaß. Von jener kühnen, revolutionären und konstruktiven Naturwissenschaft allerdings, die eben zu seiner Zeit und in seinem Lande emporwuchs und später so vielen Pfarrern das Leben sauer machen sollte, wußte und ahnte er nichts. Als ein bescheidener frischer Junge ohne philosophische Bedürfnisse, aber mit tüchtigen Augen und Händen fand er vielmehr vollkommene Befriedigung im Sehen und Kennen, Sammeln und Untersuchen der natürlichen Dinge, die sich ihm darboten. Als Knabe hatte er Blumen gezüchtet und botanisiert, hatte dann eine Weile sich eifrig mit Steinen und Versteinerungen abgegeben, in welch letztern er freilich nur schöne und ahnungsvolle Formenspiele der Natur verehrte, und neuerdings, zumal seit seinem Aufenthalt in der ländlichen Umgebung, war ihm die vielfarbige Insektenwelt vor allem andern lieb geworden. Das Allerliebste aber waren ihm die Schmetterlinge, deren glänzende Verwandlung aus dem Raupen- und Puppenstande ihn immer wieder innig entzückte und deren köstliche Zeichnung und milder satter Farbenschmelz ihm ein so reines Vergnügen bereiteten, wie es geringer befähigte Menschen nur in den genügsameren Jahren der frühen Kindheit erleben können.
So war der junge Theologe beschaffen, der als erster auf die Kunde von jener Stiftung hin alsbald aufhorchte und ein Verlangen in seinem Innersten gleich einem Kompaßzeiger gegen Indien hinweisen fühlte. Seine Mutter war vor wenigen Jahren gestorben, ein Verlöbnis oder auch nur ein heimlicher Verspruch mit einem Mädchen bestand nicht, der Oheim wehrte sich zwar und riet flehentlich ab, war aber schließlich ein aufrechter Pfarrherr, in dessen Amt und Anwesen sich der Neffe keineswegs unentbehrlich wußte. Er schrieb nach London, bekam ermunternde Antwort und das Reisegeld für die Fahrt nach der Hauptstadt zugestellt und fuhr gleich darauf, nach einem unfrohen Abschied von seinem noch immer zürnenden und heftig abmahnenden Onkel, mit einer kleinen Bücherkiste und einem Kleiderbündel getrost nach London, wobei ihm nur leid tat, daß er seine Herbarien, Versteinerungen und Schmetterlingskästen nicht mitnehmen konnte.
Ernst und bänglich betrat in der düstern brausenden Altstadt von London der indische Kandidat das hohe ernste Haus des frommen Kaufherrn, wo ihm im düsteren Korridor eine gewaltige Wandkarte der östlichen Erdhälfte und gleich im ersten Zimmer ein großes fleckiges Tigerfell seine Zukunft vor Augen führte. Beklommen und verwirrt ließ er sich von dem vornehmen Diener in das Zimmer führen, wo ihn der Hausherr erwartete. Es empfing ihn ein großer, ernster, schön rasierter Herr mit eisblauen scharfen Augen und strengen alten Mienen, dem der schüchterne Bewerber jedoch nach wenigen Reden recht wohl gefiel, so daß er ihn zum Sitzen einlud und sein Examen mit Vertrauen und Wohlwollen zu Ende führte. Darauf ließ der Herr sich seine Zeugnisse und seinen schriftlichen Lebenslauf übergeben und schellte den Diener herbei, der auf eine knappe Anweisung hin den Theologen stillschweigend hinwegführte und in ein Gastzimmer brachte, wo unverweilt ein zweiter Diener mit Tee, Wein, Schinken, Butter und Brot erschien. Mit diesem Imbiß ward der junge Mann allein gelassen und tat seinem Hunger und Durst Genüge. Dann blieb er beruhigt in dem schönen blausamtenen Armstuhl sitzen, dachte über seine Lage nach und musterte mit müßigen Augen das Zimmer, wo er nach kurzem Umherschauen zwei weitere Entgegenkömmlinge aus dem fernen heißen Lande entdeckte, nämlich in einer Ecke neben dem Kamin einen ausgestopften rotbraunen Affen und über ihm aufgehängt an der blauen Seidentapete das gegerbte Fell einer riesig großen Schlange, deren augenloser Kopf blind und schlaff herabhing. Das waren Dinge, die er schätzte und die er sofort aus der Nähe zu betrachten und zu befühlen eilte. War ihm auch die Vorstellung der lebendigen Boa, die er durch das Zusammenbiegen der glänzend silbrigen Haut zu einem Rohre zu unterstützen versuchte, einigermaßen grauenvoll und zuwider, so ward doch seine Neugierde auf die geheimnisvolle, an Wundern reiche Ferne durch ihren Anblick noch geschürt. Er dachte sich weder von Schlangen noch von Affen schrecken zu lassen und malte sich mit Wollust die fabelhaften Blumen, Bäume, Vögel und Schmetterlinge aus, die in solchen gesegneten Ländern gedeihen mußten.