In der High Street würden wir zuerst bei einem indischen Juwelier vorfahren. Diese Leute haben zuviel Verbindung mit Europa und verstehen selten mehr, ihre Sachen so naiv und edel zu fassen wie früher, sie arbeiten nach englischen und französischen Dessins und beziehen aus Idar und Pforzheim, aber ihre Steine sind meistens schön, und mit Geduld und Sorgfalt würde ich sicher sein, mindestens ein edles, goldenes Armband mit Rubinen und eine dünne, zarte Halskette mit bleichen, bläulichen Mondsteinen zu finden. Zeit hätten wir ja genug, und die Händler mögen in Asien sein wie sie wollen, jedenfalls ist ihre Zeit und Geduld und Höflichkeit unermessen, und du kannst ruhig zwei Stunden lang einen Laden besehen und nach allen Waren und Preisen fragen, ohne etwas zu kaufen.

Lachend würden wir dann einen chinesischen Laden betreten, wo vorn Blechkoffer und Zahnbürsten, im nächsten Raum Spiel- und Papiersachen, im nächsten Bronzen und Elfenbeinschnitzereien und im hintersten alte Götter und Vasen zu haben sind. Hier dringt der europäische Operettenstil nur bis in die Mitte des Ladens, weiter hinten gibt es wohl noch Imitationen und Fälschungen, aber die Formen sind echt, und sie drücken alles aus, was ein Chinese fühlen kann, von der eisigsten Würde bis zum tollen Vergnügen an wildester Groteskerie. Hier würden wir einen eisernen Elefanten mit erhobenem Rüssel kaufen, zwei oder drei alte Porzellanteller mit grün und blauen Drachen oder Pfauen und ein altes Teeservice, rotbraun und golden, mit Familien- und Kriegerszenen der alten Zeit.

Dann würden wir in einen von den japanischen Läden gehen. Der Schwindel ist hier am größten, und wir kaufen weder Silber noch Porzellan, weder Bilder noch Holzschnitte, aber eine Menge kleiner spielerischer Sachen ohne Wert: kapriziöse Fächer aus dünnstem Holz, kleine duftende Holzschachteln mit hübschen eingelegten Verzierungen, die nur durch einen geheimen Fingerdruck zu öffnen sind, und hölzerne und beinerne Geduldspiele von raffiniert erfinderischer Zusammensetzung, Kugeln, die beim Anfassen in dreißig Teile zerfallen und mit deren Wiederherstellung man eine Ferienwoche hinbringen kann, und kleine Figuren von Menschen und Tieren, die hier für fünfzig Cents zu haben sind und die alle deutschen Kunstgewerbler zusammen nicht so einfach und ausdrucksvoll fertig bringen würden.

Nun aber kämen die javanischen und die Tamilgeschäfte an die Reihe. Alte Battik-Sarongs mit Mustern von Vögeln und Blättern, Schnecken und Dreiecken, Sarongs aus reichem, schwerem Goldbrokat vom Süden Sumatras, satt leuchtend wie Sonnenuntergänge, und Kopftücher und Schärpen aus chinesischer und indischer Seide, viel Goldgelb und Rotbraun und Currygrün, und kleine steife Frauenschuhe, nadelspitz und gewölbt wie eine japanische Holzbrücke, mit Silber und Perlen gestickt. Und für mich selber will ich einen grünen Sarong und braune Saronghosen haben, dazu eine grüne Samtmütze und eine luftig dünne Schlaf- und Morgenjacke aus gelber Seide. Dann kämen die Spitzen dran, von denen ich nichts verstehe und die darum am meisten kosten, und dann die schönen Elfenbeinschnitzereien: Elefanten und Tempel, Buddhas und Götzen, Jackenknöpfe und Stockgriffe, auch ganze Elefantenzähne und Würfel und Spielzeug, Figürchen und Dosen.

Nicht vergessen dürften wir, auch ins Chinesenviertel hinüberzufahren und weit draußen in der North Bridge Road auszusteigen, wo Laden an Laden die Geschäfte der Trödler und Antiquitätenhändler stehen. Da sind neben Stiefeln und silbernen Matrosentaschenuhren, neben abgelegten Herrenkleidern und messingenen Tabakspfeifen schöne, alte bronzene Schalen und Vasen zu finden, manchmal auch altes Porzellan, wenn man Zeit und Geduld hat. Auf alle Fälle aber hängen und liegen dort in Glaskasten, geheimnisvoll im düsteren Ladenwinkel glühend, die schönsten chinesischen Schmucksachen: einfache alte Fingerringe aus Gold oder Silber mit einfach und schön gefaßten Steinen oder Perlen, dünne, lange Goldketten jeder Art, alles aus dem chinesischen hellgelben, freudig heiteren Gold, und dickere Ketten, an denen ein gelbgoldener Fisch hängt, ein grotesker schwänzelnder Fisch mit tausend zarten Schuppen und mit vorstehenden, glotzenden Augen aus Opalen, Armbänder aus Gold oder aus milchig-hellgrünem Jettstein, jedes Band aus einem Stück geschnitten, Broschen aus alten chinesischen Goldmünzen, alles ein wenig verblaßt und antiquiert und alles von derselben wunderbar exakten, kapriziös-spielerischen Arbeit. Das gemünzte Geld gilt hier wie bei allen naiven Völkern unbedingt als schmückendes Wertstück; die Schwarzwälder Bauern trugen und tragen da und dort heute noch Silbertaler als Jackenknöpfe, zum selben Zweck werden alte silberne Tikals in Siam verwendet, ich selbst trage solche Tikalknöpfe an meiner weißen Jacke; chinesische und siamesische Goldmünzen mit den schönen, dekorativen Schriftzeichen sieht man überall als Broschen und Manschettenknöpfe, und hier in einem Laden sah ich einmal eine ganze Kollektion von modernen billigen Broschen, die alle aus Geldmünzen der verschiedensten Länder gemacht waren; darunter war auch eine mit einem alten deutschen Zwanzigpfennigstück, mit einem jener dünnen, winzigen Silberstückchen, die längst abgeschafft und verschwunden sind. (In Schwaben sagte früher jedermann, wenn er im Bäckerladen ein paar solche Zwanziger herausbekam: „Das ist doch ein zu dummes Geld, überall verliert man sie, sie sind halt zu klein!“ Worauf der Bäcker unfehlbar erwiderte: „Ach was, wenn ich nur genug von denen hätte! Mir wären sie nicht zu klein.“)

Und wenn ich das alles gekauft hätte und ruiniert wäre und meine Geliebte mich verlassen hätte, dann würde ich immer noch zuweilen durch die Ladenstraßen gehen. Ich würde vor den Auslagen stehen und durch die Schaufenster blicken, würde an feinen Hölzern riechen, zarte Gewebe betasten und meine Geschicklichkeit an den hunderterlei Geduldspielen und Schnurrpfeifereien üben, und ich hätte dabei die Augenlust, die der Osten bietet und auf die er ganz allein gestellt ist. Alles, was man um Geld haben kann, ist hier in Asien zweifelhaft, vom Bett bis zum Essen, vom Diener bis zum Geldwechseln, aber ringsum glänzt unerschöpft der Reichtum und die Kunst Asiens, von allen Seiten her bedrängt, bestohlen, unterhöhlt und vergewaltigt, vielleicht schon arg geschwächt und vielleicht schon im Todeskampf, aber auch so noch reicher und vielfältiger, als wir im Westen es uns träumen können. Überall liegen Schätze zur Schau, und alle gehören dem, der seine Augenlust daran zu finden weiß, denn ob ich für hundert Dollar einkaufe oder für zehntausend, ich bekomme für alles Geld doch nur das hübsche einzelne, das vielleicht bald enttäuscht, und vom Bild der gehäuften Schätze, von dem großen, bunten asiatischen Basarglanz kann ich nichts mit nach Westen nehmen als einen Abglanz im Gedächtnis. Ob ich später zu Hause eine Kiste voll chinesischer und indischer Sachen auspacke oder zehn Kisten, das ist, als ob ich vom Meere eine oder zwanzig Flaschen voll Wasser mitbrächte. Brächte ich auch hundert Tonnen heim, es wäre doch kein Meer.

Der Hanswurst

In Singapur besuchte ich wieder einmal ein malayisches Theater. Ich tat es längst nicht mehr in der Hoffnung, hier etwas von Kunst und Volkstum der Malayen zu sehen oder sonst wertvolle Studien machen zu können, sondern lediglich in behaglicher Abendstimmung, wie man an einem müßigen Abend in einer fremden Seestadt nach dem Essen und Kaffee Lust bekommt, in ein Varietee zu gehen.

Die sehr geschickten Schauspieler, deren einer einen Europäer zu spielen hatte, stellten eine moderne Ehegeschichte aus Batavia dar, die ein Stückefabrikant auf Grund von Zeitungs- und Gerichtsnachrichten dramatisiert hatte. Die Gesangseinlagen mit Begleitung eines alten Klaviers, dreier Geigen, eines Basses, eines Horns und einer Klarinette waren von rührender Komik. Unter den Frauen eine wunderschöne junge Malayin, wohl Javanin, mit hinreißend edelm Gang.

Das Merkwürdige aber war eine magere junge Schauspielerin in der seltsamen Rolle eines weiblichen Hanswurst. Die sehr sensible, überintelligente, allen andern unendlich überlegene Frau stak in einem schwarzen Sack, trug über ihrem schwarzen Haar eine fahlblonde scheußliche Wergperücke und hatte das Gesicht mit Kalk beschmiert, auf der rechten Wange einen großen schwarzen Klecks. In dieser toll häßlichen Bettelmaske bewegte sich die nervös geschmeidige Person in einer Nebenrolle, die zum Stück nur äußerst flüchtige Beziehungen hatte, und war doch beständig auf der Bühne; denn sie spielte den vulgären Hanswurst. Sie grinste und fraß auf affenhafte Art Bananen, sie belästigte Mitspieler und Orchester, unterbrach die Handlung durch Witze oder begleitete sie stumm mit parodierender Nachäffung; dann wieder saß sie zehn Minuten lang teilnahmlos auf dem Fußboden, hielt die Arme verschränkt und blickte mit gleichgültigen, krankhaft klugen, kalt überlegenen Augen ins Leere oder fixierte uns Zuschauer der vordersten Reihe mit kühler Kritik. In dieser Abseitigkeit sah sie nicht mehr grotesk aus, eher tragisch, der schmale, brennend rote Mund teilnahmlos ruhend, vom vielen Lachen ermüdet, die kühlen Augen aus dem fratzenhaft bemalten Gesicht traurig, vereinsamt und erwartungslos blickend. Man hätte mit ihr reden mögen wie mit einem Shakespeareschen Narren oder wie mit Hamlet. Bis die Gebärde irgendeines Mitspielers sie reizte – dann stand sie auf, von Leben durchflossen, und parodierte diese Gebärde mit dem kleinsten Aufwande an Anstrengung in so hoffnungslos vernichtender Übertreibung, daß die Mitspieler hätten verzweifeln müssen.