Weltberühmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Küche das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein hätten. Nachher geht der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche [pg 74] erblicken, die alle auf einem Beine stehen. „Seht Ihr wohl?“ sagt der Koch freudig. Da klatscht der Herr in die Hände, so dass die Vögel flüchten und dabei ihre beiden Beine zeigen. „Schau, dass Du gelogen hast!“ ruft er zornig und will den Koch züchtigen. Der sagt jedoch: „Herr, es ist Euer Fehler. Hättet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss hätte dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt.“ Der Herr muss lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.

Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den „Baranci“ (Tag VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnügen daran hat, könnte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich, und ich selber könnte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber [pg 75] erlebt und gesehen habe, erzählen, wenn ich von der herrlichen Kunst und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil besässe.

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HERM. HESSES SCHRIFTEN

ROMANTISCHE LIEDER.

Bei E. Pierson, Dresden 1898

HERMANN LAUSCHER.

Bei R. Reich, Basel 1901