Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte, traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang, er trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurück, zu meinen unerlösten Träumen.

„So erneuert er nun die Welt in sich!“ dachte ich, und fühlte noch im selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte ich von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg als ich in meiner Bangnis.

In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, daß ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich blondem, dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends, als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, ließ mich an sich vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustür stehen.

„Willst du etwas von mir?“ fragte ich.

„Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,“ sagte er schüchtern. „Sei so gut und komm ein paar Schritte mit.“

Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war. Seine Hände zitterten.

„Bist du Spiritist?“ fragte er ganz plötzlich.

„Nein, Knauer,“ sagte ich lachend. „Keine Spur davon. Wie kommst du auf so etwas?“

„Aber Theosoph bist du?“

„Auch nicht.“