Aber vorher mußte ich noch einmal in ihr Haus. Ich mußte noch einmal hingehen, ihre kraftvoll edle Schönheit anschauen und ihr sagen: ‚Ich habe dich lieb, warum hast du mit mir gespielt?‘
Zunächst ging ich zu Gustav Becker auf den Rippacher Hof, den ich neuerdings etwas vernachlässigt hatte. Er stand in seiner großen, kahlen Stube an einem lächerlich schmalen Stehpult und schrieb Briefe.
„Ich will dir adieu sagen,“ sagte ich, „wahrscheinlich geh’ ich schon morgen fort. Weißt du, es muß jetzt wieder an ein strammes Arbeiten gehen.“
Zu meiner Verwunderung machte der Verwalter gar keine Witze. Er schlug mir auf die Schulter, lächelte fast mitleidig und sagte: „So, so. Ja, dann geh in Gottes Namen, Junge!“
Und als ich schon unter der Tür war, zog er mich noch einmal in die Stube zurück und sagte: „Du, hör mal, du tust mir leid. Aber daß das mit dem Mädel nichts werden würde, hab’ ich gleich gewußt. Du hast da so je und je deine Weisheitssprüche verzapft — halte dich jetzt dran und bleib im Sattel, wenn dir auch der Schädel noch so brummt! Daß du ein wirklicher Mann wirst, das hängt gar nicht von deiner Weisheit ab; — ein Mann wird man nur durch Narben, und das tut vorher elend weh. Also komm darüber weg, gelt?“
Das war vor Mittag.
Den Nachmittag saß ich im Moos am Abhang, steil über der Sattelbachschlucht, und schaute auf den Bach und die Werke und auch auf das Lampartsche Haus hinunter. Ich ließ mir Zeit, Abschied zu nehmen und zu träumen und nachzudenken, namentlich über das, was Becker mir gesagt hatte. Von meinem jungen Hochmut war nimmer viel übrig. Mit Schmerzen sah ich die Schlucht und die paar Dächer unten liegen, den Bach glänzen und die weiße Fahrstraße im leichten Winde stäuben; ich bedachte, daß ich nun wohl für eine lange Zeit nicht hierher zurückkommen würde, während hier Bach und Mühlwerke und Menschen ihren stetigen Lauf weitergingen. Vielleicht wird Helene einmal ihre Resignation und Schicksalsruhe wegwerfen und ihrem inneren Verlangen nach ein kräftiges Glück oder Leid ergreifen und sich daran ersättigen? Vielleicht, wer weiß, wird auch mein eigner Weg noch einmal sich aus Schluchten und Talgewirre hervorwinden und in ein klares, weites Land der Ruhe führen? — Wer weiß?
Ich glaubte nicht daran. Mich hatte zum ersten Mal eine echte, ernste Leidenschaft in die übermächtigen Arme genommen, und ich wußte keine Macht in mir stark und edel genug, sie zu besiegen.
Es kam mir der Gedanke, lieber abzureisen, ohne noch einmal mit Helene zu sprechen. Das war gewiß das beste. Ich nickte ihrem Haus und Garten zu, beschloß, sie nicht mehr sehen zu wollen, und blieb Abschied nehmend bis gegen den Abend in der Höhe liegen.
Träumerisch ging ich weg, waldabwärts, oft in der Steile strauchelnd, und erwachte erst mit heftigem Erschrecken aus meiner Versunkenheit, als meine Schritte auf den Marmorsplittern des Hofes krachten und ich mich vor der Tür stehen fand, die ich nicht mehr hatte sehen und anrühren wollen. Nun war es zu spät.