Diesem begegnete sie am dritten Abend, als sie ziemlich spät noch auf einen Ausgang geschickt wurde, in der Nähe ihres Hauses. Er grüßte bescheiden und sah ziemlich kleinlaut und kläglich aus, denn das Warten hatte ihn doch mitgenommen. Nun standen die zwei jungen Leute voreinander und wußten nicht recht, was sie einander zu sagen hätten. Die Tine fürchtete, man möchte sie sehen, und trat schnell in eine offenstehende, dunkle Toreinfahrt, wohin Karl ihr ängstlich folgte. Nebenzu scharrten Rosse in einem Stall, und in irgendeinem benachbarten Hof oder Garten probierte ein unerfahrener Dilettant seine Anfängergriffe auf einer Blechflöte.
„Was der aber zusammenbläst!“ sagte Tine leise und lachte gezwungen.
„Tine!“
„Ach Tine — —“
Der scheue Junge wußte nicht, was für ein Spruch seiner warte, aber es wollte ihm scheinen, die Blonde zürne ihm nicht unversöhnlich.
„Du bist so lieb,“ sagte er ganz leise und erschrak sofort darüber, daß er sie ungefragt geduzt hätte.
Sie zögerte eine Weile mit der Antwort. Da griff er, dem der Kopf ganz leer und wirbelig war, nach ihrer Hand, und er tat es so kindermäßig schüchtern und hielt die Hand so ängstlich lose und bittend, daß es ihr unmöglich wurde, ihm den verdienten Tadel zu erteilen. Vielmehr lächelte sie beinahe gerührt und fuhr dem armen Liebhaber mit ihrer freien Linken sachte übers Haar.
„Bist du mir auch nicht bös?“ fragte er, selig bestürzt.
„Nein, du Bub, du kleiner,“ lachte die Tine nun freundlich. „Aber fort muß ich jetzt, man wartet daheim auf mich. Ich muß ja noch Wurst holen.“