Um so heftiger schreckte er zusammen, als er eines Nachmittags auf dem Heimweg von der Turnstunde in der Malzgasse unvermutet mit Tine zusammentraf. Er blieb stehen, gab ihr verlegen die Hand und sagte beklommen Grüßgott. Aber trotz seiner eigenen Verwirrung bemerkte er bald, daß sie traurig und verstört aussah.
„Wie geht’s, Tine?“ fragte er schüchtern und wußte nicht, ob er zu ihr ‚du‘ oder ‚Sie‘ sagen solle.
„Nicht gut,“ sagte sie einfach. „Kommst du ein Stück weit mit?“
Er kehrte um und schritt langsam neben ihr die Straße zurück, während er daran denken mußte, wie sie sich früher dagegen gesträubt hatte, mit ihm gesehen zu werden. Freilich, sie ist ja jetzt verlobt, dachte er, und um nur etwas zu sagen, tat er eine Frage nach dem Befinden ihres Bräutigams. Da zuckte Tine so jämmerlich zusammen, daß es auch ihm weh tat.
„Weißt du also noch nichts?“ sagte sie leise.
„Nein, aber was ist denn —“
„Er liegt im Spital, und man weiß nicht, ob er mit dem Leben davonkommt. — Was ihm fehlt? Von einem Neubau ist er abgestürzt und ist seit gestern nicht zu sich gekommen.“
Schweigend gingen sie weiter. Karl besann sich vergebens auf irgendein gutes Wort der Teilnahme; ihm war es wie ein beängstigender Traum, daß er jetzt so neben ihr durch die Straßen ging und Mitleid mit ihr haben mußte.
„Wo gehst du jetzt hin?“ fragte er schließlich, da er das Schweigen nimmer ertrug.
„Wieder zu ihm. Sie haben mich mittags fortgeschickt, weil mir’s nicht gut war.“