In anderen Stunden lehnte sie neben der schmächtigen Gestalt eines kranken Klavierspielers und reizte seine geschmeidigen Finger nach dem Zartesten zu tasten, und lehrte ihn feine, brechende Klänge, die das klopfende Herz und den raschen Atem des Hörenden in ihre schwermütig wilden Takte zwingen. Diesen schmächtigen, kranken Chopin lockte sie von Reiz zu Reiz, sie lehrte ihn sein Herz belauschen und deuten und lehrte sein Herz in zitternd bewegten Takten schlagen, bis es in Müdigkeit und Sehnsucht vor dem treibenden Stachel erlag. Mir aber erzählte sie von ihm, liess mein Herz in seinen müden, stachelnden Rhythmen schlagen und lehrte mich mein Herz belauschen und deuten.

Nun sitzt sie hinter mir, spricht leise zu mir, und schmeichelt, und hüllt mich in ihren blassen, allwissenden Blick. Sie lockt meine Heimlichkeiten aus ihren Verstecken und entzündet meine Wünsche zu farbigen Spielen. Diese Muse tastet an das Zittern meines Blutes, und stachelt mein durstiges Auge von Sehnsucht zu Sehnsucht und lächelt dazu, bis mir Blick und Herzschlag zerbricht.

Als sie zum ersten Male zu mir kam, trug sie schwarze Kleider und liebte Rieselbäche in spätsommerfarbnen Gehölzen und Schaukelkähne an laubüberwölbten Seerändern. Da hing zitternd mein Herz am zerrissenen Faden einer knabenhaften Liebe, da rief meine Sehnsucht einen lieblichen Namen in widertönende Wälder, und meine Liebe wiederholte zärtlich in Flüsterlauten ein trauriges Liebesgespräch.

Damals kam meine Fiebermuse zu mir, an einem silbernen Bach, spielte Freundschaft mit mir und gab mir die schwarze Laute zu schlagen. Dann half sie mir ein verbotenes Schloss erbauen, das rote Liebesschloss, vor dessen Fenstern wir im Dunkeln froren, während Hochzeiten und klingende Feste hinter seidenen Gardinen lärmten und geläutete Krystallbecher und fiebernde Geigenreigen. Sie zog Schleier und keusche Decken von der Schatzkammer meiner Seele, sie reizte mein Auge und erweckte in mir eine plagende Begierde, Schlösser und fabelhafte Herrlichkeiten zu bauen und mich im Golde zu spiegeln. Wir schufen rote, flackernde Märchen, Lustgärten und Wildnisse, und bevölkerten südliche Landschaften mit schlanken, fürstlichen Wandelpaaren.

Ich lernte meine Traurigkeit in lassen Verstakten wiegen und in dunklen Reimen spiegeln. Ich lernte spitz zulaufende Jambengänge fügen und schwere Versbrücken, deren Pfeiler dunkle Molosser waren. Darauf begannen wir Fabeln zu ersinnen, in welchen alles Leben umgewendet war wie in einem Höllenspiegel, geborene Greise, welche sich jung lebten und am Ende als Kinder ängstlich dem Ende ins Auge sahen, unselige Liebesschicksale und Geschichten, die voll von Grausamkeiten waren.

Später, nachdem ich in einer Angstnacht meiner Muse in Untreue entlaufen war und mich auf die grünen Plane der Sonnenseite geschlagen hatte, kam sie noch manchmal, wie heute, und führte mich durch geisterbleiche Nächte, und heftete das schöne, allmächtige Auge voll List und Liebe auf mich, begierig, die grausame Wollust unserer früheren Träume zu erneuern.

Oft auch sehen wir uns verständig und traurig an wie geschiedene Liebende und wissen nicht, wer von uns der Dieb oder der Bestohlene ist. Dann öffnet sie leis die blutroten Lippen, regt die Hand und beschwört in mir das Bild des fensterroten Liebesschlosses und das verzweifelte Jauchzen lustgestachelter Geigenreigen. Sie sieht auch jetzt, was ich geschrieben habe, und seufzt, und hat den bleichen Tod im Blick.

Incipit vita nova.

In meinem Leben ist wie im Leben der meisten Menschen ein Punkt der Wandlung in’s Besondere, ein Ort der Schrecken, der Finsternisse, des Verirrt- und Alleinseins, ein Tag unerhörter Betäubung und Leere, aus dessen Abend neue Sterne am Himmel und neue Augen in uns hervorgehen.

Da ging ich frierend unter den Trümmern meiner Jugendwelt, über zerbrochene Gedanken und gliederzuckende, verzerrte Träume, und was ich anschaute, fiel in Staub und hörte auf zu leben. Freunde gingen an mir vorbei, welche zu kennen ich mich schämte, Gedanken sahen mich an, die ich vorgestern gedacht hatte, und waren so entfernt und fremd geworden, als wären sie hundertjährig und nie mein Eigentum gewesen. Alles wich von mir weg, ich war bald von einer ungeheuren Leere und Windstille umgeben. Ich hatte nichts Nahes mehr, keine Lieblinge, keine Nachbarschaft, und mein Leben stieg in mir als ein schüttelnder Ekel empor. Als wäre jedes Mass überfüllt, jeder Altar entheiligt, jede Süssigkeit verekelt, jede Höhe überklommen. Als wäre jeder Schimmer einer Reinheit verfinstert und schon jede Ahnung einer Schönheit verzerrt und mit Füssen getreten. Ich hatte nichts mehr, mich danach zu sehnen, nichts mehr anzubeten und zu hassen. Alles was Heiliges, Ungeschändetes und Versöhnendes noch in mir war, hatte Blick und Stimme verloren. Alle Wächter meines Lebens waren eingeschlummert. Alle Brücken waren abgebrochen und alle Fernen ihrer Bläue beraubt.