„Erinnerst du dich noch“, sagte diese zu mir, „an die Geschichte vom Blondel, aus deiner Kinderzeit? Es ist den Dichtern gegeben, dass sie sich mehr als andre Menschen ihres frühesten Lebens erinnern. Wenn du noch weisst, so erzähle uns doch davon.“

Die Begebenheit aus meiner ersten Knabenzeit, an die ich Jahre lang nicht gedacht hatte, stand plötzlich wieder deutlich vor mir, wie eine schüchterne Kindergestalt. Und ich berichtete: „Als ich noch klein und keine sechs Jahre alt war, geschah es irgendwo und wann, dass ich die Geschichte des Liedsängers Blondel zu hören bekam. Ich verstand sie wohl schlecht und vergass sie bald, aber der zarte, freundliche Name Blondel blieb in meinem Gedächtnis und schien mir wunderbar fein und wohltönend, so dass ich ihn mir oft leise vorsagte. Mit diesem Namen genannt zu werden, dünkte mich über alles köstlich und herzerfreuend. Also überredete ich im Spielen bald einen nachbarlichen Kameraden, mich so zu nennen, was mir überaus angenehm und schmeichelnd war. Nun gewöhnte sich das Büblein an meinen Spielnamen, und eines Vormittags kam er vor unser Haus, um mich abzuholen, stellte sich an den Zaun und rief aus vollem Halse gegen die Fenster: „Blondel! Komm herunter, Blondel!“ Mein Vater und die Mutter und Besuche waren im Zimmer, und mein laut ausgerufenes Lieblingsgeheimnis beschämte und empörte mich so sehr, dass ich mich nicht ans Fenster zu gehen getraute und nachher meinem erstaunten Kameraden zornig die Freundschaft aufkündigte, welche freilich bald wieder zusammenwuchs.“

„So war es“, sagte die Königin. „Nun aber, wenn du willst, erzähle uns, wo du dich heute am Morgen aufhieltest. Ich hatte gedacht dir das morgendliche Meer zu zeigen; du aber warst fort, ehe die Sonne schien.“

Ich verspürte früh’ eine Lust zu laufen und geriet in einen tiefen Wald, der mich mit allerlei Schatten und Geheimnissen weiter lockte, bis ein liebliches Wunder vor mich trat. Ich stand vor einem Weiher, dessen Spiegelgewässer meine zartesten Jugendgedanken noch mit allem kostbaren Duft bewahrt hatten. Über einen jenseitigen Hügel blickte der Turm des Klosters, das vor Zeiten mich und meine liebsten Jünglingsträume beherbergt hat.

„Ich weiss,“ sagte die Schönste, „das war deine edelste und ehrfürchtigste Zeit. Damals sah ich dich schwermütige Waldwege thun und knabentraurig in gefallenen Blättern rauschen, und nie bin ich dir näher gewesen, als an jenen Abenden, da du deine Geige an dich nahmst oder das Buch eines verehrten Dichters. Damals sah ich die Schatten der späteren Jahre sich dir nähern und fürchtete für dich, und ahnte wohl, dass du einmal mit einer neuen Jugend und einer neuen Trauer zu mir kommen würdest. Um jener sehnsüchtigen Zeit willen liebte ich dich noch in deinen verlorensten Jahren.“

Während sie dieses sagte, gliederte sich vor meiner Betrachtung wie ein Bild meine ganze Jugend und sah mich traurig mit Augen eines misshandelten Kindes an. Die Königin aber liess eine Geige herbeibringen, beendete das Mahl und bat mich zu spielen. Auch die Frauen bedrängten mich bittend und neckend, und Fortuna reichte mir mit einer gnädigen Bewegung den Bogen. So setzte ich leise an und zog den Bogen mild und probend, bis meine Finger sich wieder in die harten Geigergriffe gewöhnt hatten. Dann legte ich mich mit Lust in das Spiel und strich die leidenschaftlichen Takte einer dunklen Jugendphantasie. Und hernach, da ein langer Blick der schönen Frau Gertrud mich bat, spielte ich ein Notturno von Chopin, jenes schönste, windverwehte, dessen Takte sich wie die Lichter eines mondbeglänzten Meeres bewegen.

Ich war mit der Königin auf Waldwegen in ein Gartenschloss in der Nähe des Meerufers gegangen. Dort führte sie mich vor eine hohe, bemalte Wand. „Mein Lieblingsbild“, sagte sie. Mit grosser Kunst war hier ein südländischer Garten gemalt, voll dunkler, tiefschattiger Gebüsche, mit griechischen Bildsäulen und einer springenden Wasserkunst, an deren unterstes Becken eine Leier gelehnt war. „Kennst du den Garten?“

„Nein. Aber die Leier ist Ariosts.“ Sie lächelte. „Ariosto! Hier wandelt er noch zuweilen und sagt mir ein helles Spiel wiegender Oktaven vor, und lässt sich unter Scherzen von mir bekränzen.“

Auf einen leisen Wink der Herrin ward plötzlich die ganze bemalte Wand hinweggerückt. Ein unermesslicher Horizont rundete sich vor uns aus, und zu unsern Füssen lag dunkelgrün der ganze Garten des Bildes. Ein schlanker, dunkler Mann trat langsam aus einem Rondell, bückte sich nach der Leier und ahmte darauf spielend den Silberlaut der Fontäne nach. Darauf schritt er abwärts gegen das dunkelnde Meer und verschwand an der Gartenmauer. Mir ging die ganze Erscheinung vorüber wie ein Verspaar des Orlando, schlank, edelförmig, und schalkhaft wie ein Mädchengelächter. Dann ging ich selber, an der Hand der Königin, an das Meerufer hinab. Die leicht bewegte Fläche der See lag blau und rot und silberschillernd weit hinaus. Auf diesem Farbenspiel ruhten unsre Blicke lang mit fröhlichem Ergötzen. Dann bog die Schönste einiges Zweigwerk auseinander und zeigte eine weisse, schmale Treppe, welche ins Wasser führte. An diese fand ich mein Boot gebunden. Die Königin brach einen Zweig Orangeblüte, warf ihn in das Boot, drängte mich sanft hinab und gab mir die Hand.

„Nun reise gut! Abschiednehmen ist eine Kunst, die niemand zu Ende lernt. Ich weiss, du wirst einmal wieder kommen, bei mir Licht zu schöpfen, und einmal, wenn du keines Ruders mehr bedarfst.“