Da ich nicht kam, nahm Muoth die Sache wieder selber in die Hand. Ich erhielt ein Brieflein von ihm, das war in großen stolzen Zügen geschrieben und lautete:

»Lieber Herr! Am elften Januar pflege ich mit einigen Freunden meinen Geburtstag zu feiern. Darf ich Sie dazu einladen? Schön wäre es, wenn wir bei diesem Anlaß Ihre Violinsonate hören könnten. Was meinen Sie dazu? Haben Sie einen Kollegen, mit dem Sie sie spielen können, oder soll ich Ihnen jemand schicken? Stefan Kranzl wäre bereit. Sie würden eine Freude machen Ihrem

Heinrich Muoth.«

Das hatte ich nicht erwartet. Ich sollte meine Musik, um die noch niemand wußte, vor Kennern spielen, und ich sollte mit Kranzl zusammen geigen! Beschämt und dankbar sagte ich zu und wurde schon nach zwei Tagen von Kranzl aufgefordert, ihm die Noten zu schicken. Und wieder nach ein paar Tagen lud er mich ein. Der beliebte Geiger war noch jung, ein Mann vom Virtuosenzuschnitt, sehr schmal und schlank und blaß.

»So,« sagte er gleich bei meinem Eintreten, »Sie sind also der Freund von Muoth. Ja, da wollen wir gleich anfangen. Wenn wir aufpassen, wird's nach zwei-, dreimal schon gehen.«

Damit setzte er mir einen Stuhl hin, legte mir die zweite Geigenstimme vor, markierte den Takt und fing an, mit seinem leichten empfindlichen Strich, daß ich daneben ganz zusammensank.

»Nur nit so schüchtern!« rief er mir zu, ohne das Spiel zu unterbrechen, und wir spielten das Ganze durch.

»So, es geht ja?« sagte er. »Schad, daß Sie keine bessere Geigen haben. Tut aber nichts. Das Allegro nehmen wir dann aber ein bissel schneller, daß man's nit für einen Trauermarsch anschaut. Los!«

Und da spielte ich nun neben dem Virtuosen ganz zutraulich meine Noten herunter, meine einfache Geige klang mit seiner kostbaren zusammen als müsse es so sein, und ich war erstaunt, den apart aussehenden Herrn so zwanglos, ja naiv zu finden. Als ich warm geworden und etwas zu Mut gekommen war, fragte ich ihn zögernd nach seinem Urteil über meine Komposition.

»Da müssen's ein' andern fragen, lieber Herr, ich versteh' nit viel davon. Ein bissel sonderbar ist's schon, aber des haben die Leut ja gern. Wann's dem Muoth gefallt, können's sich schon was einbilden, der frißt nit alles.«