Im Weggehen machte ich Muoth Vorwürfe deswegen. Er zuckte die Achseln und meinte, wenn er gleich anfangs von meinem Gebrechen gesprochen hätte, würde der Kapellmeister schwerlich zugestimmt haben; nun aber sei ich einmal da und, wenn Rößler halbwegs mit mir zufrieden sei, werde ich ihn bald von besseren Seiten kennen lernen.

»Aber wie haben Sie mich überhaupt empfehlen können,« fragte ich, »Sie wissen ja gar nicht, ob ich was kann.«

»Ja, das ist Ihre Sache. Ich dachte mir, es werde schon gehen, und es wird auch. Sie sind ein so bescheidenes Kaninchen, daß Sie es nie zu etwas bringen würden, wenn man Ihnen nicht zuzeiten einen Stoß gäbe. Das war einer, nun taumeln Sie weiter! Angst brauchen Sie nicht zu haben. Ihr Vorgänger hat nicht viel getaugt.«

Wir brachten den Abend in seiner Wohnung zu. Auch hier hatte er einige Zimmer weit draußen gemietet, in Gärten und Stille, und sein gewaltiger Hund sprang ihm entgegen, und kaum saßen wir und wurden warm, so ging die Glocke und es kam eine sehr schöne, hoch gewachsene Dame und leistete uns Gesellschaft. Es war dieselbe Atmosphäre wie damals, und seine Geliebte war wieder eine tadelfreie, fürstliche Figur. Er schien die schönen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit zu verbrauchen, und ich sah diese neue mit Teilnahme und mit der Befangenheit an, die ich in der Nähe von liebefähigen Frauen stets empfand und die wohl nicht ohne Neid war, da ich mit meinem lahmen Beine immer noch hoffnungslos und ungeliebt einherging.

Wie früher ward auch diesmal bei Muoth gut und viel getrunken, er tyrannisierte uns mit seiner gewalttätigen, heimlich schwülen Lustigkeit, und riß uns doch hin. Er sang wundervoll, und er sang auch ein Lied von mir, und wir drei befreundeten uns, wurden warm und kamen uns nahe, sahen einander in unverhüllte Augen und blieben beisammen, solange die Wärme in uns brannte. Die große Frau, die Lotte hieß, zog mich mit sanfter Freundlichkeit an. Es war nun nicht mehr das erstemal, daß eine schöne und liebende Frau mir mit Mitleid und merkwürdigem Vertrauen entgegenkam, und es tat mir auch diesmal so wohl wie weh, doch kannte ich diese Melodie nun schon ein wenig und nahm sie nicht zu ernsthaft. Es ist mir noch manchmal begegnet, daß eine verliebte Frau mich besonderer Freundschaft würdigte. Sie hielten mich alle wie der Liebe so der Eifersucht für unfähig, dazu kam das leidige Mitleid, und so vertrauten sie mir in halb mütterlicher Freundschaft.

Leider hatte ich in solchen Verhältnissen noch keine Übung und konnte einem Liebesglück noch nicht aus der Nähe zusehen, ohne ein wenig an mich selber zu denken, und daß ich eigentlich auch gerne einmal so etwas erlebt hätte. Das beschnitt mir die Freude einigermaßen, doch war es ein guter Abend bei der hingegebenen schönen Frau und dem dunkelglühenden, kraftvollen und schroffen Manne, der mich lieb hatte und für mich sorgte und mir doch seine Liebe nicht anders zeigen konnte als er sie den Frauen zeigte, gewalttätig und launisch.

Als wir mit dem letzten Becher vor dem Abschied anstießen, nickte er mir zu und sagte: »Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt Brüderschaft anbieten, gelt? Ich täte es auch gern. Aber wir wollen es lassen, es geht auch so. Früher, wissen Sie, hab ich jedem, der mir gefiel, gleich du gesagt, aber das tut nicht gut, am wenigsten unter Kollegen. Ich habe noch mit allen Händel gekriegt.«

Diesmal hatte ich nicht das bittersüße Glück, die Geliebte meines Freundes nach Hause begleiten zu dürfen, sie blieb da, und es war mir lieber so. Die Reise, der Besuch beim Kapellmeister, die Spannung auf morgen, der neue Verkehr mit Muoth, alles hatte mir gut getan. Ich sah erst jetzt, wie vergessen und verblödet und menschenfremd ich während des langen, einsam verwarteten Jahres geworden war, und fühlte mich mit Behagen und wohliger Spannung endlich wieder erregt und tätig unter Menschen, der Welt wieder angehörig.

Zeitig am nächsten Morgen fand ich mich beim Kapellmeister Rößler ein. Ich fand ihn im Schlafrock und unfrisiert, doch hieß er mich willkommen und forderte mich, freundlicher als gestern, zum Spielen auf, indem er mir geschriebene Noten vorlegte und sich ans Klavier setzte. Ich spielte möglichst tapfer, doch machte mir das Lesen der schlecht geschriebenen Noten einige Mühe. Als wir fertig waren, legte er schweigend ein anderes Blatt auf, das ich ohne Begleitung spielen sollte, und dann ein drittes.

»Es ist gut«, sagte er. »An das Notenlesen müssen Sie sich noch mehr gewöhnen, sie sind nicht immer wie gestochen. Kommen Sie heut abend ins Theater, ich mache Platz, dann können Sie ihre Stimme neben dem anderen spielen, der den Platz einstweilen zur Not versah. Es wird ein wenig eng hergehen. Sehen Sie sich die Noten vorher gut an, Probe ist heut keine. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit, damit gehen Sie nach elf Uhr ins Theater und holen sich die Noten.«