»O, ein neues Lied! Das ist recht, ich hatte schon Angst für Sie, Sie möchten in der langweiligen Streichmusik stecken bleiben. Und da steht ja eine Widmung! Für mich? Ist es Ihr Ernst?«

Ich wunderte mich, daß es ihn so zu freuen schien, ich hatte eher einen Scherz über die Dedikation erwartet.

»Gewiß freut mich das,« sagte er aufrichtig. »Es freut mich immer, wenn anständige Menschen mich gelten lassen, und bei Ihnen besonders. Ich hatte Sie im Stillen schon auf die Totenliste gesetzt.«

»Führen Sie solche Listen?«

»O ja, wenn man so viele Freunde hat, oder gehabt hat, wie ich... Es gäbe einen schönen Katalog. Die moralischen habe ich immer am höchsten geschätzt, und g'rade die kneifen mir alle aus. Unter Lumpen findet man jeden Tag Freunde, aber unter Idealisten und Normalbürgern hält es schwer, wenn man anrüchig ist. Sie sind zurzeit beinah der einzige. Und wie es geht – was man am schwersten haben kann, hat man am liebsten. Geht es Ihnen nicht auch so? Mir ist immer nur an Freunden gelegen, statt dessen laufen mir bloß Weiber zu.«

»Daran sind Sie zum Teil selber schuld, Herr Muoth.«

»Warum denn?«

»Sie behandeln alle Leute gern so wie Sie die Weiber behandeln. Bei Freunden geht das nicht, darum laufen sie Ihnen draus. Sie sind ein Egoist.«

»Gott sei Dank, bin ich das. Übrigens Sie nicht minder. Als die furchtbare Lotte Ihnen ihr Leid klagte, da haben Sie ihr keineswegs geholfen. Sie haben auch nicht den Anlaß benützt, mich zu bekehren, wofür ich dankbar bin. Sie haben vor der Affäre ein Grausen gespürt und sind weggeblieben.«

»Nun, da bin ich wieder. Sie haben recht, ich hätte mich der Lotte annehmen sollen. Aber ich verstehe mich auf diese Sachen nicht. Sie hat mich selber ausgelacht und mir gesagt, von der Liebe verstünde ich gar nichts.«