Das dauerte bis zum Juni, dann reiste Gertrud mit ihrem Vater in die Berge, ich blieb zurück, und wenn ich an ihrem Hause vorüberging, lag es leer hinter seinen Platanen, und die Pforte war geschlossen. Da fing die Pein wieder an, wuchs und verfolgte mich tief in die Nächte hinein.
Da kam ich abends, fast immer mit Noten in der Tasche, zu den Teisers, nahm an ihrem heiter genügsamen Leben teil, trank von ihrem österreichischen Wein und spielte Mozart mit ihnen. Dann ging ich durch die milden Nächte heim, sah in den Anlagen die Liebespaare spazieren, legte mich zu Hause müd aufs Bett und fand doch keinen Schlaf. Es war mir jetzt unbegreiflich, wie ich so brüderlich mit Gertrud hatte umgehen können, daß ich nie den Bann gebrochen, sie an mich gezogen und bestürmt und erobert hatte. Ich sah sie, in ihrem hellblauen oder grauen Kleid, munter oder ernsthaft, ich hörte ihre Stimme und begriff nimmer, daß ich sie jemals hatte hören können, ohne in Glut und Werbung auszubrechen. Berauscht und fiebernd stand ich auf, machte Licht und warf mich auf die Arbeit, ließ Menschenstimmen und Instrumente werben und flehen und drohen, wiederholte das Lied der Sehnsucht in neuen, fiebernden Melodien. Oft aber blieb mir diese Tröstung aus, dann lag ich glühend und wild in grimmiger Schlaflosigkeit, sagte wirr und sinnlos ihren Namen Gertrud, Gertrud vor mich hin, warf Trost und Hoffnung weg und gab mich verzweifelnd der grauenhaften Ohnmacht des Begehrens hin. Ich rief Gott an und fragte ihn, warum er mich so geschaffen, warum er mich verstümmelt und mir statt des Glückes, das jeder Ärmste habe, nichts gegeben habe, als den grausamen Trost, in Tönen zu wühlen und das Unerreichbare in wesenlosen Tonphantasien immer wieder vor mein Begehren hinzumalen.
Bei Tage gelang es mir besser, meiner Leidenschaft Herr zu werden. Da biß ich auf die Zähne, saß vom frühesten Morgen an bei der Arbeit, erzwang Ruhe durch lange Gänge, und Ermunterung durch kalte Sturzbäder, und abends floh ich vor den Schatten der heraufdrohenden Nacht in die heitere Nähe der Geschwister Teiser, wo mir für Stunden Ruhe und manchmal beinahe Behagen kam. Teiser merkte wohl, daß ich litt und krank war, doch schrieb er es der Arbeit zu und riet mir Schonung, obwohl er selber flammend dabei war und im Grunde meine Oper ebenso erregt und ungeduldig wachsen sah, wie ich selbst. Manchmal holte ich ihn auch ab, um ihn allein zu haben, und brachte den Abend mit ihm in einem kühlen Wirtsgarten zu, wo jedoch die Liebespaare und das Nachtblau, die Lampions und Feuerwerke und der Duft von Begehrlichkeit, den die Sommerabende der Städter immer haben, mir nicht wohl tat.
Völlig schlimm wurde es, als auch Teiser abreiste, um mit Brigitte die Ferien im Gebirge zu verwandern. Er lud mich zum Mitkommen ein, und es war ihm Ernst, so sehr ich mit meiner Unbeweglichkeit ihm die Lust zerstört hätte; aber ich konnte nicht annehmen. Zwei Wochen blieb ich allein in der Stadt, schlaflos und aufgerieben, und die Arbeit gedieh nicht mehr.
Da schickte mir Gertrud eine kleine Schachtel voll Alpenrosen aus einem Dorf im Wallis, und als ich ihre Handschrift sah und die bräunlichen, welken Blumen auspackte, fiel es wie ein Blick aus ihren lieben Augen auf mich und ich schämte mich meiner Wildheit und meines Mißtrauens. Ich sah ein, daß es besser sei, sie wisse von meinem Zustand, und am nächsten Morgen schrieb ich ihr einen kurzen Brief. Da erzählte ich halb scherzhaft, daß ich nimmer schlafen könne, und daß es vor Sehnsucht nach ihr geschehe, und daß ich ihre Freundschaft nicht mehr annehmen könne, da es bei mir Liebe sei. Im Schreiben überfiel es mich wieder, und der Brief, der ruhig und fast scherzend begonnen hatte, ward zum Schlusse heftig und heiß.
Die Post brachte beinah jeden Tag Grüße und Ansichtskarten von den Geschwistern Teiser, die nicht ahnen konnten, daß ihre Karten und Brieflein mir jedesmal eine Enttäuschung brachten, da ich andere Post von anderer Hand erwartete.
Endlich kam sie doch, ein graues Kuvert mit Gertruds leichter, heiterer Schrift, und innen ein Brief.
Lieber Freund! Ihr Brief bringt mich in Verlegenheit. Ich sehe, daß Sie leiden und schwere Zeit haben, sonst müßte ich schelten, daß Sie mich so überfallen. Sie wissen, wie gern ich Sie habe; aber mir ist mein jetziger Zustand lieb, ich habe noch kein Verlangen ihn zu ändern. Wenn ich Gefahr sähe, Sie zu verlieren, würde ich alles tun, Sie mir zu halten. Aber auf ihren heißen Brief kann ich nicht antworten. Haben Sie Geduld, lassen Sie es zwischen uns, wie es war, bis wir uns wiedersehen und miteinander reden können. Dann wird alles leichter sein. In Freundschaft Ihre Gertrud.
Damit war wenig anders geworden, und doch tat der Brief mir wohl. Es war doch ein Gruß von ihr, sie duldete doch und ließ es geschehen, daß ich um sie warb, sie hatte mich nicht abgewiesen. Auch brachte ihr Brief mir etwas von ihrem Wesen mit, etwas von ihrer beinahe kühlen Klarheit, und statt des Bildes, das meine Sehnsucht von ihr geschaffen hatte, stand wieder sie selber vor meinen Gedanken. Ihr Blick forderte Vertrauen von mir, ich spürte ihre Nähe und sogleich erhob sich Scham und Stolz in mir, half mir das verzehrende Schmachten besiegen und die brennenden Wünsche niederhalten. Nicht getröstet, doch gestärkt und wehrhafter hielt ich mich aufrecht. Ich quartierte mich mit meiner Arbeit im Wirtshaus eines Dorfes ein, zwei Stunden von der Stadt. Da saß ich viel in einer schattigen, schon verblühten Fliederlaube und dachte nach, und wunderte mich über mein Leben. Wie ging ich einsam und fremd meinen Weg, ungewiß wohin! Und nirgends hatte ich Wurzeln geschlagen und Heimatrecht erworben. Mit den Eltern stand ich nur in äußerlichem Verkehr, mit höflichen Briefen; meinen Beruf hatte ich verlassen, um gefährlichen Schöpferphantasien nachzugehen, die mich doch nicht sättigten. Meine Freunde kannten mich nicht, Gertrud war der einzige Mensch, mit dem ich ein volles Verstehen und eine vollkommene Gemeinschaft hätte haben können. Und meine Arbeit, das, wofür ich doch lebte und was meinem Leben Sinn geben sollte, wie war das ein Jagen nach Schatten, ein Bauen von Lufthäusern! Konnte das wirklich einen Sinn haben und eines Menschen Leben rechtfertigen und ausfüllen, das Hintürmen von Tonreihen und erregte Spielen mit Gebilden, die im besten Fall einmal anderen Menschen eine Stunde angenehm zubringen halfen?
Dennoch arbeitete ich wieder leidlich fleißig und kam innerlich in diesem Sommer vollends mit der Oper zustande, wenn auch außen noch viel fehlte und erst das Wenigste aufgeschrieben war. Manchmal kam ich wieder in helle Freude und dachte mit Hochmut mir aus, wie mein Werk Macht über Menschen gewinnen würde, wie Sänger und Musikanten, Kapellmeister und Chöre Vollstrecker meines Willens sein müßten, und wie er auf Tausende wirken werde. Zu andern Zeiten kam es mir beinahe unheimlich und gespenstisch vor, daß alle diese Bewegungen und diese Macht ausgehen sollten von den ohnmächtigen Träumen und Phantasien eines armen, einsamen Menschen, den alle bemitleideten. Zuweilen verlor ich auch den Mut und wollte finden, meine Arbeit könne unmöglich je aufgeführt werden, es sei alles falsch und übertrieben. Doch war das selten, im Grunde war ich vom Leben und von der Kraft meiner Arbeit überzeugt. Sie war auch ehrlich und glühend, sie war erlebt und hatte Blut in den Adern, und wenn ich sie auch heute nicht mehr hören mag und ganz andere Noten schreibe, so ist doch in jener Oper meine ganze Jugend, und wenn manche Takte daraus mir wieder begegnen, so ist es mir nicht anders, als wehe ein lauer Frühlingssturm aus verlassenen Tälern der Jugend und der Leidenschaft herüber. Und wenn ich denke, daß ihre ganze Glut und Macht über die Herzen aus Schwäche und Entbehrung und Sehnsucht geboren ist, so weiß ich nicht mehr, ob mir mein ganzes Leben in jener Zeit, und auch noch das jetzige, lieb oder leid sein soll.