Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte. Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.
Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine Dichtungen („Lulu“ und „Schlaflose Nächte“) aus jener Zeit. Die erste ist bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht veröffentlicht worden. Beide stehen zum „Lauscher“ in engster Beziehung und sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich ein.
Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an: Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt betroffen und erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von denen ich nicht weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.
Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat, der muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche sind.
Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan, Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich nicht an. Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch ausführte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch für mich und meine Freunde sein.
Hermann Hesse.
Dezember 1907.
Vorwort der ersten Ausgabe.
(Ende 1900).
Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten Mal in die Öffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.
Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis preiszugeben und seine früher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es war ein Abend in der Weinstube des „Storchen“; Lauscher war von seiner gewöhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ängstigenden Ahnung voraus. Er bat mich förmlich zu schwören, seine Anonymität aufs treueste wahren zu helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er in diesem Punkte besonders ängstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges Stillschweigen, das Gespräch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen ließ. Dann versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm plötzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder — zehn Tage darauf starb er plötzlich auf einer Reise.